TEXTE

  • „Am schlimmsten ist mit denen, die neben der Toilettentür  schlafen“

    geschrieben von

    Es ist dunkel und ich muss Pipi. Ich muss immer so, wenn ich  aufwache. Wenn Pipi, dann muss man aufstehen. Mit der Matratze  quietschen, auf den Boden treten. Ich weiß nicht, ob ich Bock  habe. Ich weiß nicht, ob es sich lohnt. Ich weiß nicht, ob ich genug  muss. Aber ja, ich muss. Ich muss Pipi. Voriges Mal kam es vor,  dass ich es bis fünf, sechs Uhr morgens gehalten habe und dann  war ich am Tag wie ein Zombie. Wie spät ist es? Halb eins. Es geht  nichts über das Aufwachen gleich nach dem Einschlafen. Aber gut,  ich muss.…


  • Vergessen ist ein anderes Wort für Nichts

    geschrieben von

    Bald bist du im Innern gerissen, deine Stimmbänder sind haarfeine Fäden.  Ein letztes Mal ziehst du weiter mit Scham,  ohne Sprache. Nur dein Körper sagt leise zur Erde: Mutter, nimm mich wieder in deinen Leib.


  • Die Ewigkeit reicht nicht für immer

    geschrieben von

    Zu lang bist du der Erde aus dem Weg gegangen, aus Scham vor dem Scheitern,  dem letzten Bett in ihrem Leib.  Dein Kopf spinnt jetzt Silberfäden, die Sprache des Alters, haarfein, manchmal reißt an ihnen die Zeit.  Vergiss nicht, zu überwintern,  lass deine Augen ein letztes Mal blühen,  bis wir uns sattgepflückt haben. Meine Hände haben keinen Halt  für Ewigkeit.


  • Babybel-Rot

    geschrieben von

    Ich bin elf Jahre alt und drücke mich mit angezogenen Knien in  den großen Polstersessel meines Vaters. Ich bin fast schon zu  groß, um von dem grauen Stoff eingeschlossen zu werden, wenn  ich quer darin sitze, die Füße auf einer der Armlehnen, den Kopf  schräg in die Ecke gedrückt, sodass ich den Fernseher noch sehe,  aber ebenso mühelos meinen Blick wegnehmen könnte. Wie  gerne wäre ich noch ein bisschen kleiner, noch ein bisschen  zusammengerollter, noch ein bisschen unsichtbarer.  Völlig schamlos zeigen meine Eltern abwechselnd auf den  Fernseher, über dem Querstreifen immer wieder das Bild  zerschneiden, dass es aussieht, als würde…


  • Kontrastfarbe

    geschrieben von

    Rot, scheint rostig, rosig und rosé, macht Mädchen zu Frauen, die Schreie ertauben,ein Flüstern,  das lüsterne Ohren verschließt. Rot,  wie Lippen zum Küssen, man(n) lässt sich verzücken, Gerippe aus Wut – es glüht, brennt dich aus. Rote Sehnen, zurren, verzerren. Dein Körper Gewebe, lebendige Beute, beständig vertraut. Beschwör eine Sünde,  doch Gott hast du längst zu Grabe getragen. Systemische Blutflecken, bedeck sie mit Scham und schweig. Worthülsen,  weil uns allen die Sprache versagt,  weil Mutter wie Tochter die Wahrheit beklagt.


  • ממש שם

    geschrieben von

    Scham-los mamasch scham mamasch scham wirklich dort werde ich dort wirklich meine Scham los dort, wo alles begann? dort, wo ich mich versteckte? dort, wo ich mich verbarg? dort, wo meine Scham ihren Anfang nahm? dort, wo DU mir in die Augen blicktest? dort, wo sich in Deinen Augen meine Scham, meine Schande, mein ganzes Sein spiegelte? mamasch scham werde ich meine Scham los mamasch scham spiegelt sich dein Blick, deine Liebe, dein Suchen, dein Verstehen, dein Erbarmen, und ich werde tatsächlich wahrhaft wirklich mamasch scham meine Scham los


  • Mir träumte mich holte ein Bus voller Queers.

    Er kam aus Köln  und fuhr gen Süden Richtung Großbritannien, ich stieg ein und  man lachte auf den Fahrsitzen mit scheckigen Mustern plüschig,  die gelben Haltestangen ein Schilfmeer, in dem ich pastellrote  Mützen trug und Perlenketten, zweckentfremdet. Von hier aus  versuchten wir, die Welt zu re-interpretieren und wir taten es  mit glänzenden Zähnen. Wir fuhren auf problematischen  Autobahnen, wir mussten uns an gewisse Verkehrsregeln halten,  aber alles in allem war das die Fahrt meines Lebens,   bis hierher kannte ich nur die Leidfäden der Kleinstadt und der  absurden Konstellation, in der ich die ersten 18 Jahre verbrachte,  ausschwärmen konnte man nur…


  • Die Gottheit des „Du“

    geschrieben von

    Ich war das „Du“. Früher war ich mehr, heute bin ich weniger. Ich war die Gottheit, die nicht gesehen werden will, nur erkannt.  Ich existierte in Blicken, die sich trafen; in Seelen, die sich berührten und sangen in der gleichen Frequenz, ich war die Gottheit des „Du“, bis mein geliebtes „Du“ verschwand. Ich brauchte keine Tempel, keine Worte, kein Gebet habe ich je erhört.  Ich war die Tür, die man offenhält; ein gemeinsames Lachen; ein Geben und Nehmen; ich war es, die das Gegenüber erfand, das Einsamkeit zerstört. Ihr musstet mich nicht kennen, um mich zu finden, nicht nach mir…


  • ANTIMITÄT (eine Anleitung)  

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    entkernt wie ein verwandtersaßmein körper auf vier beinen steiferals die sahne, die ich schlug.dies ist mein notizbuchdies ist mein rohstoffdies ist ein versuchflüchtig, wie besuch.derweil die gedanken bei den lampeneiner fremden decke;sie schwangen noch,dass es flockte.dies ist mein stuhldies mein geräthier die bedienungim beutel aus nylon. kombinationen aus verlorensein und sich verlierenkontaminieren sich,also lasse ich meinen kopf,um mich nicht zu ruminieren,ein paar schritte tunund falle um.tut es weh? da sitze ichauf fliesen hinter der zeit,um gefühl in plastiktüten zu sortieren,die wut tranchierthoffnung vergorenwärme konserviertder hass in dosenabgepacktfür schlechte zeiten.und jetztnie wieder träumenoder weinenoder wollenerwachsenund vielleicht nochdas denken vergessenim bett liegenstürmen lassenstrom…


  • Neue Haut

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    Im April verbrennt ein Stück Haut meines Arms am glühenden Rohrheizkörper des Backofens. Rückblickend kann ich nicht mehr sagen, ob ich mich am Ofen verletzt habe oder der Ofen meinen Arm verletzt hat. In den ersten Minuten sieht die Wunde flach aus, da wird keine große Narbe bleiben. Ich kümmere mich darum. Reinigen, Salbe, Pflaster; Salbe, Pflaster; Salbe; etwas Luft. Pflaster. Die Entzündung frisst sich immer tiefer. Das Pflaster bleibt über Wochen drauf. Während der Entzündung sowieso. Auch danach, denn ich möchte nicht offen damit herumlaufen, gerade wenn Blicke und die Sonne darauf scheinen und die Narbenbildung anregen. Ich möchte…