Ausgabe: Ausgabe 1

  • Die Gottheit des „Du“

    Ich war das „Du“. Früher war ich mehr, heute bin ich weniger. Ich war die Gottheit, die nicht gesehen werden will, nur erkannt. 

    Ich existierte in Blicken, die sich trafen; in Seelen, die sich berührten und sangen in der gleichen Frequenz, ich war die Gottheit des „Du“, bis mein geliebtes „Du“ verschwand.

    Ich brauchte keine Tempel, keine Worte, kein Gebet habe ich je erhört. 

    Ich war die Tür, die man offenhält; ein gemeinsames Lachen; ein Geben und Nehmen; ich war es, die das Gegenüber erfand, das Einsamkeit zerstört.

    Ihr musstet mich nicht kennen, um mich zu finden, nicht nach mir suchen, um mich zu verstehen.

    Ich war da, wenn ihr euch traft; ich war da, wenn ihr mich brauchtet, im Spiegel, in der Pfütze, in den Augen des Gegenüberstehenden.

    Früher lernte man von mir in Liedern und Gedichten, von neuen Farben in alten Leben, von Liebe, Freundschaft und dem süßesten Schmerz.

    Alle Tränen, meinetwegen vergossen, alle echten Verbindungen aus mir geboren, heute versiegt, verkannt und verwehrt.

    Ich schreie im Flüstern, sterbe in kürzer werdenden Momenten; unendlich viele Farben, doch die Welt wird langsam blind.

    Sie sprechen in toten Sprachen; Körper, die sich finden, während ihre Seelen fleißig an Entfernung gewinnen.

    Kalte Worte, kalte Taten, kalte Gedanken. Vielleicht bin ich zu alt und das neue „Du“ zu modern für mich.

    Ich werde fragiler, schwächer und ob in Büchern, menschlichen Geistern oder im grauen Alltag des Lebens: zu wenig „Du“ und zu viel „Ich“.

    Heute bin ich auf der Suche, irrend, weder da noch fort, flackernd in meiner Verlorenheit. 

    Leere Stühle; Worte ohne Tiefe; sich suchende Blicke, niemals treffend; einfache Vorsicht wird zu ständig schürfender Wachsamkeit.

    Ich springe durch Spiegel und fliehe durch Menschen, immer auf der Suche nach diesem einen Wort.

    Den Laut habe ich vergessen; verschwommene Gesichter; frostige Gemüter; sich auflösende Stimmen; lachende Echos in einem Moll-Akkord. 

    Räume der Begegnung und doch niemanden, der mich kennt. 

    Keine Antworten auf Nachrichten; Eltern, die nur sich in ihren Kindern sehen, ich suche, niemals finde und werde mir doch immer weiter …

    Fremd, fremd und fremd.

    Wer bin ich?

    Wer bist …?

  • ANTIMITÄT (eine Anleitung)  

    entkernt wie ein verwandter
    saß
    mein körper auf vier beinen steifer
    als die sahne, die ich schlug.
    dies ist mein notizbuch
    dies ist mein rohstoff
    dies ist ein versuch
    flüchtig, wie besuch.
    derweil die gedanken bei den lampen
    einer fremden decke;
    sie schwangen noch,
    dass es flockte.
    dies ist mein stuhl
    dies mein gerät
    hier die bedienung
    im beutel aus nylon.

    kombinationen 
    aus verlorensein und sich verlieren
    kontaminieren sich,
    also lasse ich meinen kopf,
    um mich nicht zu ruminieren,
    ein paar schritte tun
    und falle um.
    tut es weh?

    da sitze ich
    auf fliesen hinter der zeit,
    um gefühl in plastiktüten zu sortieren,
    die wut tranchiert
    hoffnung vergoren
    wärme konserviert
    der hass in dosen
    abgepackt
    für schlechte zeiten.
    und jetzt
    nie wieder träumen
    oder weinen
    oder wollen
    erwachsen
    und vielleicht noch
    das denken vergessen
    im bett liegen
    stürmen lassen
    strom kommt zurück
    alles wird anders
    aber anders wird nichts
    neige dich im strom
    kippe in den sturm
    reiße entzwei
    dann: rasten
    müder schädel
    bald wird es dir besser gehen.
    reste kleiner
    loser gedanken
    harren blass, werden nasser
    wenn’s im kopf sich staut.
    rast, jetzt
    müder schädel,
    bald wird es dir besser gehen.
    nester deiner
    vielen gedanken
    liegen brach, werden lichter,
    wenn der wind sich traut.
    rast, jetzt
    müder schädel,
    bald wird es dir besser gehen.

  • Neue Haut

    Im April verbrennt ein Stück Haut meines Arms am glühenden Rohrheizkörper des Backofens. Rückblickend kann ich nicht mehr sagen, ob ich mich am Ofen verletzt habe oder der Ofen meinen Arm verletzt hat. In den ersten Minuten sieht die Wunde flach aus, da wird keine große Narbe bleiben. Ich kümmere mich darum. Reinigen, Salbe, Pflaster; Salbe, Pflaster; Salbe; etwas Luft. Pflaster. Die Entzündung frisst sich immer tiefer. Das Pflaster bleibt über Wochen drauf. Während der Entzündung sowieso. Auch danach, denn ich möchte nicht offen damit herumlaufen, gerade wenn Blicke und die Sonne darauf scheinen und die Narbenbildung anregen. Ich möchte es ungesehen machen, ungeschehen. Ein hautfarbenes Pflaster folgt dem nächsten. Wenn jemand fragt, erzeuge ich selbst das Bild von dem, was darunterliegt; der Blick haftet an der Oberfläche. Einmal klebe ich ein Weißes darüber. Es sticht heraus und fügt sich mit meinem weißen Oberteil von diesem Tag zusammen. Danach wieder eines der Hautfarbenen, die nie an eine tatsächliche Hautfarbe herankommen. Sie verdecken nicht die gerade mal drei Zentimeter danebenliegende Narbe an meinem Arm, älter und mittlerweile verblasst. Gleicher Vorgang, gleiche Form, anderer Backofen; achtlos mit mir selbst. 

    An einem Tag gehe ich ohne Pflaster raus. Wenn der Blick eines Gegenübers auf meinen Arm fällt, frage ich mich, ob ihm der Ofen auf den Lippen liegt. Ich fühle mich durchschaut und gleichzeitig aufgehoben. Die Haut dort ist trocken und spannt, bröckelt immer wieder ab. Ich gewöhne mir an, ständig eine Tube Salbe in der Tasche dabeizuhaben. Sobald mein Blick auf die Stelle fällt, trage ich sie auf, nahezu jedes Mal. Schicht für Schicht wächst von unten nach. Wenn jemand mich doch darauf anspricht, sage ich etwas darüber, wie froh ich bin, dass es gut heilt. Ich möchte mich darüber freuen, wie gut es heilt. Die Textur bleibt rau. Ich wundere mich darüber, wie harmlos die Verbrennung im Moment des Schocks aussah. Wahrnehmen, Optimismus, dann Handeln, mit angehaltener Luft. Wenn ich doch ausatmen muss und einfach nur dasitze, die Wunde, die zur Narbe wird, betrachte, finde ich, dass sie sich immerhin gut in ein gemeinsames Bild fügt, neben den anderen. Manchmal gewinnt doch die Verunsicherung und dann sagen andere mir: Sieht doch verwegen aus. Ich möchte mich darüber freuen. Manche schauen kurz, prüfend, und der Blick zieht locker weiter. Manche sehen nichts. Du kommst und schaust hin, hinein statt vorbei, fragend. Suchend. In diesem Blick erkenne ich, dass ich nicht noch mehr Pflaster aufkleben kann, um die Narbe zu schließen. 

    Obwohl der Brand schon passiert war, habe ich weiter geklebt, aus Angst vor Mehr, aus Angst vor Blöße. Kein Pflaster gibt mir die Haut zurück, die dort vor der Wunde war. Wir geben uns frei. Das leichte Brennen beim Abreißen des Pflasters tut gut, und ich atme durch. 

  • woodstock [some say]

    curiosity kills the cat & hoffnung sei das ding with feathers
    ich meine: melancholy kills as well & dass hope 
    can be found im schwersten gedicht ja ich hab’s 

    nicht so mit unvergleichlichen flügeln hab genug von 
    öder federpoesie [von spread your wings & friedens-
    täubchen & von der krähe die herhält für tod für magie]


    mensch ich versteh’s ja ich seh’s ja aber immer nur vögel
    selbst die auf dem drahtseil sind doch längst dechiffriert 
    [& by the way: wiederholt die gleichen vögeln 
    angeblich furchtbar etabliert] aber wenn vogel wirklich
    sein muss dann so‘n kleiner gelber dessen name 
    stark nach peace freedom happiness klingt denn

    mit dem könnt selbst ich wohl ganz leicht dichten
    krumm reimen vergleichen wie sein kluger hund der 
    mit mir & der melancholie der längst toten katze 

    gemeinsam auf bessere zeilen hofft

  • poem zum einschlafen

    Gegen Abend hin ist es bitter nötig, auf großen Bildschirmen Oktopusse – oder noch größer denken: Wale – an sich vorbeifliegen zu sehen, um wieder auf die Fliesen der Realität zu tauchen. In meinen Augen spiegelt sich das Blau, während meine Gedanken zäher, sinnfreier werden. Es gibt so tolle Pflanzen und so tolle Tiere, und die Welt ist ganz groß und das will ich erforschen und da will ich mal hin, denke ich dann noch, bevor ich in mein Unterbewusstsein hinabsteige, in dem es nach den Blauschwaden und dem Bildschirmbaden ruhig ist. Manchmal klappe ich den Laptop nicht zu und ich habe das Gefühl, dass die Geräuschkulisse meinen Schlaf unangenehm verändert. Dauerbeschallung legt Gedanken lahm und unterbindet Stille, die es braucht, um … na ja. Ich wünschte, mir wüchsen Saugnäpfe und Tentakel, und ich könne im Dunkeln leuchten. Ich bin eine Naturgewalt und sinke jetzt in meinen unbedingten Schönheitsschlaf. Da unten, im Meer meines Hirns, an das kein Licht mehr kommt, da schwimmen des Nachts an den Außenwänden des Greifbaren Fische in Schwärmen vorbei und Seeanemonen ziehen sich auf und zusammen. Es ist spät, es ist so weit. 

    Geräusche wie unter der Oberfläche des Wassers, gedämpft, dennoch intensiv, unnatürlich klar, es wird blau. Die Haare, als gäbe es keine Schwerkraft überall, schwebend und niemals schnappe ich nach Luft. Kiemen habe ich und sie ziehen sich auf und zusammen, ich schwebe, hinab, in die Tiefsee meines Gehirns.

  • Trostlose Kunst

    Gerade in dem Moment, als die Sehnsucht meine unsterbliche Seele vollständig zu verschlingen drohte, fasste ich den Entschluss, dich  

    wiederzusehen.  

    Du bist grau geworden, doch trägst du die Zeichen des Alterns mit Würde und unvergleichlicher Anmut. Hinter deiner bröckelnden Fassade aus überschminkten Rissen und Narben verbirgt sich ein zaghaftes Lächeln und der sinnliche Schwung deiner Silhouette raubt mir den Schlaf. Du bist so schön, wenn der Mond scheint. 

    Vorsichtig öffnen meine Finger den Reißverschluss und streicheln sanft über die kühle Oberfläche der Farbdosen. Wie eine Spinne ziehe ich mit routinierter Handbewegung filigrane Fäden aus Überdruck zerstäubten Pigmenten über die schmutzigen Wände. Die ganze Stadt kennt meinen Namen, aber niemand weiß, wer ich bin.  

    Ich schreibe Worte auf Beton.

  • Boutique

    Ich war in der Altstadt
    dort gab es eine Boutique
    mit kalten Steinen im Schaufenster
    sie glänzten im Licht vom Schliff
    der Menschenhand
    das Glas auch
    und darunter die Tücher
    darunter das Holz

    als ich hineinging
    fand ich unter dem Brett
    ein ertappt wimmelndes Knäuel Maden
    es fiel auf den Boden
    und frass dort ein Loch
    ähnlich einer Bombe
    oder einem Feuer

    da sagte die Frau hinter der Theke,
    nicht berühren, nur anschauen
    und meinte
    nicht anschauen, nur reinkommen,
    denn in ihrem Laden war selten Kundschaft
    nur die Maden
    manchmal schmatzten sie wie ein echter Mensch
    im Schlaf, vielleicht

    später, nachdem die Frau den Laden schließen musste,
    sah man sie oft spazieren mit Hunden im Park
    alles war in Bewegung
    unter dem Fell
    und unter dem Hut
    und unter der Haut
    und zwischen den Fingern

  • Schmerzen treten erst bei Belastung auf

    Die Erinnerungen überlagern sich wie Zuggesichter. Stapeln sich ebenenweise übereinander, sodass man jede noch erkennt – manche geisterhaft durchscheinend – aber unmöglich sagen kann, welche von ihnen echt ist und welche nur eine Spiegelung aus dem Inneren.  Heute wärst du dreißig geworden. Zwei, drei Mal habe ich nachgerechnet, weil ich sicher war, ich müsste mich vertan haben. Ich kann mich an keinen deiner Geburtstage erinnern, zumindest an die vorher nicht. Wenn man sich nicht erinnern kann, ist es ein bisschen so, als wäre es nie passiert. Als wärst du vorher nicht gealtert. Wo man doch normalerweise erst hinterher nicht mehr altert. 

    Damals in der ersten Nacht habe ich davon geträumt, wie es wäre, wenn das mit dir nur ein Traum gewesen wäre; der Polizeibeamte, der Notfallseelsorger, der meine Hand griff, alles nur Traumfiguren. Als ich aufgewacht bin, habe ich immer noch daran geglaubt. Neben meinem Kopfkissen lag dein Handy; ich weiß nicht mehr, wie es da hingekommen ist, oder wie überhaupt zu mir. Aber die Risse im Display, das Farbenspiel unter den bewegungslosen Glassplittern, hat mir ins Ohr geflüstert, dass es die Wahrheit kenne – war da Blut in deiner Kleidung? Oder Schmutz? Zwei Tage lang hat dein Handywecker noch geklingelt, unerträglich lange, weil die Aus-Taste zerbrochen war. Aber die Stille danach würde endgültig sein, das wusste ich sofort. Die gebrochene Elektronik als einziger überlebender Zeuge.

    Manchmal halte ich mich jetzt wach, während die Zahlen auf dem Wecker wieder kleiner werden, weil ich Angst habe, dass ich nicht mehr weiß, wer du warst. Ich habe längst vergessen, was du am liebsten gegessen hast. Falls ich es überhaupt wusste. War es Papas Nudelauflauf? Die käsetriefende Pizza vom Lieferdienst im Nachbarort? Spag-Bol, schon im Topf zusammengemischt, mit reichlich Nachschlag? Alles, woran ich denken kann, habe ich gerne gegessen.

    Trauer ist immer egoistisch. 

    Würde ich an mehr als an mich selbst denken, dann säße ich jetzt nicht hier, sondern würde etwas erschaffen. Etwas erschaffen, das andere berührt. Als du Mama den Servierwagen geschenkt hast, wusste sie sich nicht recht zwischen Rührung und Enttäuschung zu entscheiden. Du hast ihr dein Gesellenstück gegeben. Aber: Du hast ihr dein Gesellenstück gegeben. 

    Geschichten sind nie wahr, sie verbergen immer auch das, was nicht erzählt wird. Ob du gesprungen oder gestürzt bist, haben wir uns immer und immer wieder gefragt. Vielleicht bist du geflogen, weil du aufgehört hast, dich festzuhalten.

    Was schenkt man jemandem zum Geburtstag, der nichts mehr gebrauchen kann?

    Deinen ersten Geburtstag ohne dich haben wir im Zoo verbracht. Einmal auf der anderen Seite stehen. Glotzen und warten, ob was passiert. Ich wünschte, ich wüsste noch, worüber wir geredet haben. Obwohl eigentlich egal ist, welche Worte wir benutzten, der Inhalt war immer derselbe. Ob ich sagte, dass ich wieder zur Schule müsse, wegen der Deutschklausur; oder Mama, dass die Beerdigungsgäste ruhig den Putz von den Wänden fressen könnten. Irgendjemand war immer schockiert. Man guckt ja nur so gespannt, weil die auf der anderen Seite der Glasscheibe einem selbst so ähnlich sind. Weil man sich vorstellt, dass es ein Leichtes wäre, die Plätze zu tauschen. Manchmal wäre ich so gern auf deiner Seite. Es hat den Falschen getroffen, denke ich dann, aber das geht vorbei.

    Wir wussten beide nie, was wir vom Leben wollten. Sind gemeinsam durch die Messegänge geirrt, an Prospekten voller Zukunft vorbeigestolpert, an Menschen mit Perspektiven entlang und nichts erschien uns richtig. Wahrscheinlich dachten wir beide heimlich, wir seien zu Höherem bestimmt. Die Umsetzung ist Auslegungssache. Du hast einmal gesagt, dass du die ganze Welt in dir drin hättest. Ich hab‘ daraus ein Lied gemacht, mit siebzehn. Weil ich mir noch nie anders zu helfen wusste, als Worte um den Schmerz zu wickeln wie einen Druckverband.

    Es gibt so viele Arten, mit dem Bruch umzugehen, ihn zu verstecken oder zu versorgen. Schmerzen treten immer erst bei Belastung auf.

  • snus

    snus
    ich drehe die dose auf
    kanelbullar
    rieche an meinen fingern
    gib mir einen samen
    i can talk to
    bout lkab and reindeer
    bout sorrow and grief
    einsam einsamen besamen 
    insta und fika
    drücke spreize die lippen 
    speichel fließt absaugen
    snus baby snus
    fuß gelähmt zehen wippen
    snus baby snus 
    reiße meine unterlippe
    nach unten verbraunung 
    nach oben wurzeln offenbart
    freigelegt kahl alpinaweiss
    rieche an meinen scheißfingern
    kanelbullarringel

    mein herz boxt
    gescheitelte haare nach rechts 
    blondie macht wau 
    wenn in rinkeby der nächste schuss fällt

    allt åt alla
    spucke drehe die dose auf
    überall hin
    snus baby snus
    und lucia kommt nur einmal im jahr
    bis dahin refill refill
    gib mir mehr
    mehr dunkelheit in beige 
    snus beige baby snus

  • Die Umarmung des Mondes

    Der Mond liegt blass auf den Wassern des Cháng Jiāng, als Lǐ Bái sich samt Schatten an sein Ufer setzt – zwischen Päonien, deren Blüten sich weigern, in der Nacht zu ermatten. In seinem Korb aus Weidenruten klackert und plätschert es, als der alte Dichter ihn absetzt. Er breitet im Gras seine Habe aus: Gefäße verschiedenster Größe aus Keramik und Kürbis, vereinzelt aus Glas. Eine Schriftrolle. Ein Etui mit Pinsel. Eine kleine Statuette von Wénchāng Wáng und eine Trinkschale. Das vertäute Fischerboot, das sachte auf dem Wasser schaukelt, wird sich noch etwas gedulden müssen. 

    Erst entkorkt Lǐ Bái die Kürbisflasche, gießt sich Huángjiǔ ein, trinkt aus, schenkt nach, trinkt aus, schenkt wieder nach, und schüttet dann die anderen Flüssigkeiten hinterher, vermischt den Reiswein mit ätherischen Ölen und Kräutersuden, Körperflüssigkeiten und Quecksilber. In Cháng’ān hatte Hè Zhīzhāng ihn als einen der Acht bezeichnet. Heute würde er dieser Bezeichnung endlich gerecht werden. In der Schale ruht nun, perlmuttschimmernd, das Ergebnis seiner alchemistischen Studien. Flüssige Unsterblichkeit, die frisch getrunken werden will. 

    Gaumen und Zunge, vom Reiswein bereits abgestumpft, gibt Lǐ Bái mit Huājiāo den Rest. Er kaut auf den getrockneten Früchten aus Sìchuān, bis sein Mundraum betäubt ist, nimmt das schmierige Gebräu dann nur noch diffus wahr, als er es zu saufen beginnt, schmeckt Bitterkeit und Säure, Schärfe und Moder lediglich im Ansatz. Eine Ewigkeit vergeht, vom ersten bis zum letzten Schluck. Als der Boden der Trinkschüssel wieder sichtbar ist, verlieren die Dinge vor Lǐ Báis Augen ihre Konturen. Auf weichen Knien ergreift er seine Schreibutensilien, gibt Wénchāng Wáng einen Kuss und begibt sich durch eine weingetränkte, quecksilbrige Wirklichkeit zum Boot. Das geknotete Tau wirkt wie ein Fremdkörper auf ihn. Faserige Rauheit auf weicher Haut, eindeutige Funktion in einer verschwommenen Welt. Lǐ Báis Schatten winkt zum Abschied, als das Boot schließlich davontreibt. Er hat sich entschieden, am Ufer zu bleiben.

    Ein Unsterblicher hat sich keinem Fluss zu beugen. Darum missachtet Lǐ Bái die Strömung des Cháng Jiāng. Anstatt zu rudern, schreibt er Verse auf Papier. Durch die Dichtung sickert Poesie in Wirklichkeit. Das Boot treibt zielgerichtet auf den Mond zu, hält an. Voll und blass liegt er da, auf wellenlosem Wasser. Auch der Mond missachtet das Gesetz des Flusses. Lǐ Bái blickt auf ihn hinab wie auf einen alten Freund, hat schon mit ihm angestoßen, in gedichteten Gelagen. Er beugt sich über die Bordwand, zu weit, und breitet seine Arme aus. Dann verliert er das Gleichgewicht. In einer Welt mit klarer Zeichnung würde er nun fallen, das Widerbild des Mondes durchstoßen und in die Tiefen gezerrt werden. Doch in dieser Welt umarmt Lǐ Bái den Mond, der blass auf den Wassern des Cháng Jiāng liegt, und der Mond, der umarmt ihn zurück.