Neue Haut

geschrieben von

Im April verbrennt ein Stück Haut meines Arms am glühenden Rohrheizkörper des Backofens. Rückblickend kann ich nicht mehr sagen, ob ich mich am Ofen verletzt habe oder der Ofen meinen Arm verletzt hat. In den ersten Minuten sieht die Wunde flach aus, da wird keine große Narbe bleiben. Ich kümmere mich darum. Reinigen, Salbe, Pflaster; Salbe, Pflaster; Salbe; etwas Luft. Pflaster. Die Entzündung frisst sich immer tiefer. Das Pflaster bleibt über Wochen drauf. Während der Entzündung sowieso. Auch danach, denn ich möchte nicht offen damit herumlaufen, gerade wenn Blicke und die Sonne darauf scheinen und die Narbenbildung anregen. Ich möchte es ungesehen machen, ungeschehen. Ein hautfarbenes Pflaster folgt dem nächsten. Wenn jemand fragt, erzeuge ich selbst das Bild von dem, was darunterliegt; der Blick haftet an der Oberfläche. Einmal klebe ich ein Weißes darüber. Es sticht heraus und fügt sich mit meinem weißen Oberteil von diesem Tag zusammen. Danach wieder eines der Hautfarbenen, die nie an eine tatsächliche Hautfarbe herankommen. Sie verdecken nicht die gerade mal drei Zentimeter danebenliegende Narbe an meinem Arm, älter und mittlerweile verblasst. Gleicher Vorgang, gleiche Form, anderer Backofen; achtlos mit mir selbst. 

An einem Tag gehe ich ohne Pflaster raus. Wenn der Blick eines Gegenübers auf meinen Arm fällt, frage ich mich, ob ihm der Ofen auf den Lippen liegt. Ich fühle mich durchschaut und gleichzeitig aufgehoben. Die Haut dort ist trocken und spannt, bröckelt immer wieder ab. Ich gewöhne mir an, ständig eine Tube Salbe in der Tasche dabeizuhaben. Sobald mein Blick auf die Stelle fällt, trage ich sie auf, nahezu jedes Mal. Schicht für Schicht wächst von unten nach. Wenn jemand mich doch darauf anspricht, sage ich etwas darüber, wie froh ich bin, dass es gut heilt. Ich möchte mich darüber freuen, wie gut es heilt. Die Textur bleibt rau. Ich wundere mich darüber, wie harmlos die Verbrennung im Moment des Schocks aussah. Wahrnehmen, Optimismus, dann Handeln, mit angehaltener Luft. Wenn ich doch ausatmen muss und einfach nur dasitze, die Wunde, die zur Narbe wird, betrachte, finde ich, dass sie sich immerhin gut in ein gemeinsames Bild fügt, neben den anderen. Manchmal gewinnt doch die Verunsicherung und dann sagen andere mir: Sieht doch verwegen aus. Ich möchte mich darüber freuen. Manche schauen kurz, prüfend, und der Blick zieht locker weiter. Manche sehen nichts. Du kommst und schaust hin, hinein statt vorbei, fragend. Suchend. In diesem Blick erkenne ich, dass ich nicht noch mehr Pflaster aufkleben kann, um die Narbe zu schließen. 

Obwohl der Brand schon passiert war, habe ich weiter geklebt, aus Angst vor Mehr, aus Angst vor Blöße. Kein Pflaster gibt mir die Haut zurück, die dort vor der Wunde war. Wir geben uns frei. Das leichte Brennen beim Abreißen des Pflasters tut gut, und ich atme durch. 

Weitere Beiträge