Ausgabe: Ausgabe 1

  • Windwurf

    ein funke sprang ins einjährige holz & der wind dann, der wind.
    man sagt: diese landschaft hat die göttin aus bettlaken genäht.
    man lässt sich in frieden; sie belohnt reich.
    jedes wort reisst der wind aus dem mund. 
    sieh, hier verläuft die naht. hinter dieser düne er-
    strahlt ein see in vielkostendem blau, da kannst du dir
    die asche von den füssen waschen.
    während sie nähte, träumte die göttin, die hände taten das übrige,
    die hände & der wind.

    hat der wind nicht deine wäsche gestohlen?
    er schlägt die seiten einer zerlesenen bibel um,
    eingeschlagen in grünes glitzerpapier.
    die göttin näht weiter, murmelnd im traum.

    aber schön bist du, mein sohn, schöner als die andern.
    dir will ich mehr verzeihen als ihnen.
    dir will ich vergeben, dass du nicht hergeeilt bist, als die schlange mich biss, & meine wunde nicht lecken wolltest.
    denn ich sehe, dass du mich liebst.
    ich will dir silber in den mund schütten, so viel wie du behalten kannst.
    aber man versteht nichts gegen den wind.
    andere fallen leicht auf eine lüge herein, ohnehin ist lügen so 
    leicht, so leicht; doch ich sehe, was du denkst.

    für eine weile ist der hunger gut, doch er kommt wieder.
    fragst du dich nicht: wie viele augen liegen auf mir?
    tu so, als wäre genug da. sei nett & freundlich.
    wir träumen von schlangen, du & ich.
    bist du hungrig? bettle bloss nie. sag nein danke, als wärst du frei.

    da ist ein freilandhuhn in der asche & die spuren einer mageren kuh.
    es riecht nach bettwäsche hier, nicht?

    wir träumen von schlangen von schlangen von schlangen.
    wer bist du, wenn niemand herschaut, nicht einmal du selbst?
    lag da nicht die grünglitzernde haut?
    & das sagt der wind, wenn er sich aufs bett wirft:
    ooh ooh ooh 

    mich gibt es nicht.

  • Beim Gebärden reden und schreien, weil wir so aufgeregt sind (CODA-Stories)

    Ist das fair?, denkt der Krätzekopf. Mutter versteht es nicht, und wieder muss ich ihr erklären, was da steht. Es ist nicht zum Aushalten, denn sein Hosenbund steht noch immer offen. Ja, so hälts nicht an der Hüfte, nein, nein, den Kaffee hälts nicht in der Speiseröhre nicht. Er besitzt keine Armbanduhr, ein Display zu kaufen erübrigt sich; und überhaupt trägt er die strengste Uhr eng an seinem Körper, sie perforiert seine Haut, braucht für das Subkutane keine Submarine, da die Uhr tief in ihm drin steckt; und die heutige Mode-Psychologie sagt ihm reflexhaft – obwohl es sich hier um einen kulturellen Innenkäfig handelt, der sich manchmal zur Kulturtechnik brüstet – er habe eine internalisierte Uhr. Sie funktioniert nicht in Digits, sie ist nicht an Ziffern ablesbar, sie schießt schon manchmal Zahlen an die Innenseite seiner Stirn, doch ist sie eine zeigerköpfige Hydra. 19 knallt oben gegen seinen Knochen, da wollte ich eigentlich im Büro schon sein. Mutter versteht es immer noch nicht, was da steht, sie ist Taub, was will man machen, sie denkt, weil sie Taub ist, geht es dann um sie, weil ein gemeiner Mensch in den Chat schreibt, es gehe um sie, sie sei misshandelt worden. Mama, verstehst Du nicht, was da steht?, er will mich verprügeln, Dein Bruder will mich verprügeln. Nein, gebärdet sie, er will es nur mit Dir klären, warum schreibt er denn, dass es um mich geht? Soll ich es Dir nochmal zeigen?, frage der Krätzekopf und tut es dann. Siehst Du, da, er schreibt, dass er in ganz F. bekannt ist als Kneipenschläger; und hier steht, dass er Menschen für weniger ins Krankenhaus geschlagen hat; und dort, dass er seinen Kumpel Bogo normalerweise für solche Fälle beauftragt, um sich nicht die Hände schmutzig zu machen. Ich bekomme nicht einmal Familienbonus, Mama. Nein, gebärdet sie, er will es nur mit Dir klären, ich schlage vor, ihr trefft Euch irgendwo und sprecht das aus, das ist doch am besten. Sie drehen sich im Kreis aus 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 19 pew pew pew space invaders Krätzekopf zoomt heraus als würde er mit den Raumschiffen die Zeit dehnen, was sie weder erträglicher noch schneller vorbeigehen noch sie beide den Raum wechseln lässt, der schon voll genug mit Wäsche steht: Warum bin ich so ein armer fuck? Im Zoomen das Wechselspiel: Er will es mit Dir klären-Das habe ich versucht das hat er in den Wind geschlagen-Warum sagt er dann dass es um mich geht ich sei misshandelt worden-das ist doch egal er hat mir einfach nicht richtig zugehört und deswegen versteht er es jetzt falsch-warum blinkt mein Handy schon wieder siehst Du er schreibt schon wieder-MAMA! LEG-DEIN-SCHEISS-HANDY-WEG! Ich schmeiß das gleich aus dem Fenster-1919191919191919191919 … sie reden und rufen zu den Gebärden, weil sie so aufgeregt sind, am Ende nur noch Mutters Tränen, Krätzekopfs wunder Gaumen von der weggebliebenen Schockspucke, und seine Empathie entfernende Raumfahrt. Und was machen wir jetzt?, fragt Mutter. Nichts. Es wird alles gut. Also schmeißt Du mich jetzt raus? Ja, ich schmeiß Dich jetzt raus, ich muss arbeiten, ins Büro. Er will sich noch verabschieden, unten vor der Haustür und schießt die 19 zurück in die Zeit, in die Uhr, auf die Hydra – zwar fällt 1 Zeigerkopf, aus dem offenen Hals wachsen ihm allerdings 3 neue nach. Ist das logisch – sich gegen Armut zu wehren schafft mehr Armut? Jetzt hat er den Biomüll noch schnell nachgeholt, doch die Mutter ist weg. Jetzt ist sie weggerannt wie das kleine Mädchen, das sie einmal war und immer bleibt, und er geht sie suchen, schreibt ihr:

    [18:56] Mama, wo bist Du hin?

    Habt ihr eine Frau gesehen, die eben aus dem Haus gekommen ist? Ja. Ja? In welche Richtung ist sie gelaufen? (Hose an Ort und Stelle, nur der Kaffee ist ihm vergangen.)

  • Warum ziehen wir so schwere Kreise?

    Anbeginn: als ob
    Wir tun so
    einfühlsam, gleichgültig, trotzig
    streicheln sternlose Gesänge an Glasdächern entlang
    das Feld mit dunkelblauem Leinen bespannt
    dazwischen unangetastetes Porzellan.

    Schleif Mich hinter Dir her in der Zeit.
    Meine Kleidung hinterlässt
    Rücken auf Marmor
    nur fort von unter dem Bett
    hinterbleiben Träume, Rufe
    als Du strauchelst, krampft die Welt
    steht stundenlos still.
    Wattiert, Du bettest Mich auf Deiner Fensterbank, 
    in weichen Kakteen, Federn auf dicker Lederhaut,
    Terrakotta-Soldaten. 
    Steinwellen schlagen aus, zentrisch. 
    Dein Gesicht wurde vor langer Zeit perfekt in Meine Hände gepasst, damals

    Du branntest.

    Jahrhunderte seit Wir kippten
    nachdem Wir begonnen hatten, schwere Kreise in Lehm zu laufen, Meine Räder drehen langsam durch 
    Tonscherben, stumpfsinnig am Horizont
    schmiegt sich Nacht tröstlich an Unsere Fast-Nacht, würgt die Sonne herunter, 

    Ich glühe.

    Wer immer diese Sternschnuppen fischt, 
    sie halten ihre Wünsche ewig schuldig.

  • in memoriam h.c. artmann

    über die lichtung ging er auf das jagdhaus zu.
    der förster kam schon heraus.
    er überreichte ihm das buch mit den abrechnungen.
    er steckte es in seinen rockaufschlag.

    anton hieß er.
    er schrieb gedichte.
    das musste er.
    er war hochangesehen.

    der förster rief vivat und ging zurück ins jagdhaus.
    es war noch zu früh für tee.
    er ging wieder zum bahnhof.
    er kaufte sich ein billet.

    ischl ist schön zu dieser jahreszeit.
    der mann am schalter trug einen hut.
    in strobl stieg er aus.
    sie riefen bravo als sie seiner ansichtig wurden.

    er besuchte seine schwester und zog seine galoschen aus.
    nach rom ist es weit.
    auch in graz lässt es sich gut leben.
    man muss nur wissen wie.

    er gab ihr das buch mit den abrechnungen.
    man sah ihn nie wieder.
    er starb wie er lebte.
    die genesung folgte rasch.

    in wien wusste man schon bescheid.
    man entsandte einen prokuristen.
    in strobl nichts zu finden.
    man holte sich hilfe.

    sie kam in windeseile.
    ist london wie man sich erzählt?
    er trug einen hut.
    er rauchte pfeife.

    der arzt war kleiner und hatte einen schnurrbart.
    in ischl trafen sie ein und blieben bis zum mittag.
    er war schon über alle berge.
    sie taten es ihm gleich.

    der zug ging am nächsten tag.
    pfeife und schnurrbart saßen im abteil.
    pfeife sprach von logik.
    pfeife sprach von deduktion.

    sie hielten die billets bereit.
    der schaffner war ein philosoph.
    er sprach altgriechisch, aber auch das hebräische war ihm nicht fremd.
    der londoner akzent ließ ihn nicht beirren.

    er entwertete die tickets und flog seines weges.
    der zug hielt in verona.
    eigentlich war es florenz.

  • Insektenbisse

    Wir haben uns tot gestellt, als die Insekten kamen. Sie krochen durch die Türspalte und die Fensterritzen und wir lagen regungslos in unserer Festung aus Kissen, Decken und Stühlen und der müffelnden Matratze, die wir sieben Stockwerke hoch aus dem Keller getragen hatten. Wir bewegten uns nicht, solange die Insekten zischten und brummten und arhythmisch mit den Flügeln schlugen. Und ich war echt froh, dass du so gut darin warst, die Augen geschlossen zu halten, damit du nicht sehen konntest, wie ich zittere und dass ich zum Totstellen einfach zu blöd war und nicht lebensmüde genug. Aber ich übte. 

    Wir waren Kinder, die so lange das Totstellen übten, dass sie irgendwann lernen mussten, so zu tun, als seien sie lebendig. 

    Und auch darin warst du immer besser als ich. 

    Deine Augenringe sahen aus, als würden hinter ihnen Geschichten stecken, die man auf dem Schulhof erzählen kann. Und die Kleidung, unter der du deine Insektenbisse verstecktest, sah immer gut aus. Nur ich wusste, was du darunter versteckt hieltst. Nur ich wusste, wie hässlich du wirklich warst. Nur wir wussten, was sonst niemand wusste, von den Kids auf dem Schulhof, auf dem du jede Woche neue Geschichten erfandest. 

    Ich habe geweint, als deine Mom ins Krankenhaus kam, aber du nicht. Du hast so selten geweint (aber wenn, dann war die ganze Woche gelaufen). 

    Den halben Tag hast du gestrahlt, aber wenn wir am Nachmittag bei dir oder bei mir zu Hause waren, lief aus der Anlage immer nur Phoebe Bridgers. Wir ließen die nackten Beine aus dem Fenster baumeln und rauchten das Zeug, das wir von unseren älteren Geschwistern geklaut hatten, während wir mit geschlossenen Augen alle Texte mitsangen.

    Deine Mom hatte einen Tisch im drittteuersten Restaurant der Stadt gebucht zur Feier des Tages, an dem dein Vater das zweite Jahr trocken war, an dem Abend, an dem mein Bruder das erste Mal bis zur Ohnmacht trank. Ich habe versucht, dich zu erreichen, ein Dutzend Mal. Aber du warst zu glücklich, an dem Abend, an dem mein Bruder das erste Mal fast gestorben wäre. Ich habe versucht, dich zu erreichen. 

    Die Insekten wollten deinen Hund fressen, als er totgeprügelt auf dem Boden in der verschimmelten Küche lag. Ich denke jetzt fast jeden Tag daran, an deine Tränen auf dem blutbesprenkelten Fell und an deine laufende Nase, an Geschichten, die nicht erfunden waren, an die blauen Flecke auf den Unterarmen deiner Mutter, als sie uns gefragt hat, ob wir etwas essen wollen, als wäre nichts, an ihre glasigen Augen und an das Zischen. Und wie du sie angeschrien hast. 

    Und wie einfach du später alles weggelacht hast. 

    Und als wir endlich auf diesem Dach standen – Du warst so fucking stolz und ich war so traurig und so einsam, weil ich dir deine Freude nicht mit meiner Angst vermiesen wollte, und weil ich Stolz niemals fühlen kann, egal was ich geleistet habe. Aber plötzlich hattest du selbst Angst, du sagtest, dass so hoch oben hier alles so sauber ist und ich wusste nicht, was du meinst (kein Zischen, kein Brummen). Ich wusste auf einmal gar nichts mehr. 

    Wir müssen wieder Festungen bauen, hast du gesagt.

    Und warum ich dich dann geschubst habe, weiß ich auch nicht mehr. Nur noch, dass ich nicht mehr schlafen kann seitdem.

  • Frühlingsflaneur

    Es ist nun nicht mehr stechend klar und steht mit weiter Bühne, alle gebückt Vermummten versuchten der Kulisse zu entfliehen. Sie waren ganz klamm in Ehrfurcht der Holzskelette, ragend und ächzend in heulenden Böen. Es war das arme Menschentier in teilnahmsloser Kulisse, größere Unschuld lässt sich nicht finden. Fahles Mondgesicht, umrahmt von rotem Schal, preschte ich, Schädel voraus, pulsierende Wangen – ich war stolz. 

    Jetzt sehe ich eine dicke Wanze an der Hausflurwand warten. Der Wind lässt es erahnen, er schwirrt von unten empor, schmeichelt verschmäht, legt sich auf den Umriss aller Dinge mit feinem Netz, macht sie zahm. Mein erster Gang ist eisern und lang, mein Schatten bricht mit der Fremde – Flucht nach vorn. Und doch, meine Haare, schon rostfarben zitternd, strecken die Fühler aus nach allem, was Wärme ist, spielen vor meiner Nase ein Kinderlied. Ganz aufgeräumt verharrt der Himmel grau, es liegt das Gras wie tot, versteckt – vielleicht aus Vorsicht oder gar Scham – seine ungeduldige Erregung. Das Warten ist fragil, es kommt, es kommt und wird gehen. Nicht mehr zu tapsigen Wesen verhüllt, mit flatterndem Mantel schlendert nun Mensch in die Welt, denn sie gehört wieder ihm. Erst bricht es auf mich hinein, wie sie erneut alles bestäuben, einnehmen in immer gleichem Flug. Also reiße ich meine Augen auf, hebe meine Brauen, erweiche meine Stirn und mein Blick wird offen und natürlich. Ja, ich weiß, ich muss Frieden schließen. Ich dehne meine Silhouette, zeichne keine Geraden mehr, jede Begegnung zügelt meinen Marsch. So ziehe ich Fäden: „Ich kenne euch.“ Bei so einem Tanz wird mir katholisch. Zwar brennt der Busch nicht, doch er ist Gewebe und schaut mir gerne zu. Hätte er ein Kinn, so würde er weise nicken und wissen, ich meine es gut. Schau doch, schon kreisle ich mit euch, ich rupfe an langen Halmen wie nebenbei. So viel Leichtigkeit hat man ewig nicht gesehen, ich bin ein wahrer Frühlingsflaneur.

    Nichts läge mir jetzt ferner, als meine Sentimentalität mit Zynismus zu beschneiden. Lasst mir meine hübschen Worte, wenn meine Omama mich verabschiedet, nimmt sie immer meine Hand, drückt den Rücken gegen ihre hängende Wange und küsst sie. Sie glaubt daran, dass ich noch Dinge zu verschenken habe. Ja, wenn die Sonne nur kleine Flecken durch das Geäst wirft, noch nicht schreit und brütet, da lässt es sich mit anderen atmen. Trotzdem mir aus dem Gafferdasein nicht viel Ehrlichkeit geblieben ist, lasst mich sagen: Ich möchte bunte Bänder an einem Baum befestigen.