Autor:in: Barbara Thiel

  • Babybel-Rot

    Ich bin elf Jahre alt und drücke mich mit angezogenen Knien in  den großen Polstersessel meines Vaters. Ich bin fast schon zu  groß, um von dem grauen Stoff eingeschlossen zu werden, wenn  ich quer darin sitze, die Füße auf einer der Armlehnen, den Kopf  schräg in die Ecke gedrückt, sodass ich den Fernseher noch sehe,  aber ebenso mühelos meinen Blick wegnehmen könnte. Wie  gerne wäre ich noch ein bisschen kleiner, noch ein bisschen  zusammengerollter, noch ein bisschen unsichtbarer. 

    Völlig schamlos zeigen meine Eltern abwechselnd auf den  Fernseher, über dem Querstreifen immer wieder das Bild  zerschneiden, dass es aussieht, als würde es gefährlich flackern  und könnte jederzeit ganz verschwinden. Ich wünsche es mir so  sehr und schaffe es gleichzeitig nicht, wegzusehen. Nicht von den  Erinnerungen, die mir die Fernsehbilder wiedererzählen, in Ton  und Farbe heraufholen, und nicht von den lachenden Gesichtern  meiner beiden Eltern, ihren schmal glänzenden Augen, ihren  gebleckten Zähnen. Eigentlich mögen sie sich längst nicht mehr  und können kaum noch etwas anderes als sich quer durch das  Treppenhaus anzubrüllen oder ihren gegenseitigen Hass bei uns  Kindern abzuladen, die wir uns dann damit abmühen müssen, weil  wir erst recht nicht wissen, wohin damit und eine angeborene  Loyalität zu beiden Seiten besitzen. Aber heute ist es anders,  heute sitzen wir in Papas Wohnung beisammen, wie die kleinen  Metallspäne alle auf den Magneten ausgerichtet, der der  Bildschirm ist und selbst ich kann mich dem nicht verwehren,  obwohl ich das Zentrum dieser Belustigung bin, ich bin der Grund,  dass die beiden sich für einen Moment nicht hassen, sondern in  ihrer Schadenfreude ganz einträchtig verbunden sind. Mein  Bruder sagt nichts, sein Blick geht in Richtung Bildschirm, als  würde ein Film für Erwachsene gezeigt, der ihn langweilt, weil er  ihn nicht versteht. Womöglich ist er auch nur froh, dass es mein  verheultes Kindergesicht ist, das etwas körnig und streifig, aber  unverkennbar auf der Oberfläche flimmert und nicht seins. 

    Währenddessen verhält sich mein Vater, als hätte er eine  filmische Meisterleistung vollbracht und meine Mutter wirft mir  alle paar Sekunden erwartungsvolle Blicke zu, ob ich denn nun  endlich mitlache. Mir fließen die Tränen, mein Gesicht ist  irgendwie ungewöhnlich verzerrt, während ich mit unbewegter  Miene auf dem Sessel sitze, meinem jüngeren Abbild gegenüber.  Mein jüngerer Papa lacht nicht, ist nicht im Geringsten amüsiert,  sondern ziemlich ärgerlich, wie er mir das Käsestück immer  wieder vor das Gesicht hält, das ich doch so unbedingt haben  wollte, weil es aussah wie etwas, das einem Kind schmecken  würde. 

    Das Lachen meiner Eltern verebbt, die Kamera wackelt, kurz  denke ich, jetzt habe ich es geschafft, jetzt sehen wir uns meinen  Bruder beim Hula-Hoop an, oder was es sonst noch auf  Videokassette gibt, jetzt ist irgendjemand anderes dran. Doch das  Bild verschwindet nicht, es hat nur aufgehört zu schwanken, die  Kamera steht mit bestem Blick auf mein dickbäckiges  Kleinkindergesicht, die Wangentaschen voll widerlichem Käse,  der sich im roten Wachsmantel und ansprechender  Plastikverpackung als Leckerei getarnt hatte. Aber wenigstens  einen davon müsse ich aufessen, ich hätte so darum gequengelt,  zumindest den einen, hört man meinen Vater, und als würde der  Bissen im Mund nicht ausreichen, der eingespeichelt immer  größer, immer widerwärtiger, immer unmöglicher zu schlucken  wird, sehe ich ohne zu Blinzeln dabei zu, wie er mir den Rest auch  noch in den Mund drückt. Ungeduldig und verständnislos, wie  man einem Hund Medizin verabreicht, von der das Tier nicht  wissen kann, wie wichtig sie ist, so drückt er und drückt dabei nur  mehr Tränen, mehr Ekel, mehr Abneigung heraus. 

    Ich wende den Blick ab und ihm zu, wie er da neben meiner  Mutter sitzt, kein bisschen zu bereuen scheint, was sein jüngeres  Ich, festgehalten in Bild und Ton, da gerade veranstaltet, und ich  hasse ihn mit einer so tiefen Abscheu, wie man sie nur als  Elfjährige empfinden kann, wenn jede Gemeinheit sich wie eine  Verschwörung der gesamten Welt anfühlt und die Scham so allumfassend, dass nicht bloß die eigenen Wangen, sondern auch  die ganze Welt in Babybel-Rot getaucht wird. 

  • Schmerzen treten erst bei Belastung auf

    Die Erinnerungen überlagern sich wie Zuggesichter. Stapeln sich ebenenweise übereinander, sodass man jede noch erkennt – manche geisterhaft durchscheinend – aber unmöglich sagen kann, welche von ihnen echt ist und welche nur eine Spiegelung aus dem Inneren.  Heute wärst du dreißig geworden. Zwei, drei Mal habe ich nachgerechnet, weil ich sicher war, ich müsste mich vertan haben. Ich kann mich an keinen deiner Geburtstage erinnern, zumindest an die vorher nicht. Wenn man sich nicht erinnern kann, ist es ein bisschen so, als wäre es nie passiert. Als wärst du vorher nicht gealtert. Wo man doch normalerweise erst hinterher nicht mehr altert. 

    Damals in der ersten Nacht habe ich davon geträumt, wie es wäre, wenn das mit dir nur ein Traum gewesen wäre; der Polizeibeamte, der Notfallseelsorger, der meine Hand griff, alles nur Traumfiguren. Als ich aufgewacht bin, habe ich immer noch daran geglaubt. Neben meinem Kopfkissen lag dein Handy; ich weiß nicht mehr, wie es da hingekommen ist, oder wie überhaupt zu mir. Aber die Risse im Display, das Farbenspiel unter den bewegungslosen Glassplittern, hat mir ins Ohr geflüstert, dass es die Wahrheit kenne – war da Blut in deiner Kleidung? Oder Schmutz? Zwei Tage lang hat dein Handywecker noch geklingelt, unerträglich lange, weil die Aus-Taste zerbrochen war. Aber die Stille danach würde endgültig sein, das wusste ich sofort. Die gebrochene Elektronik als einziger überlebender Zeuge.

    Manchmal halte ich mich jetzt wach, während die Zahlen auf dem Wecker wieder kleiner werden, weil ich Angst habe, dass ich nicht mehr weiß, wer du warst. Ich habe längst vergessen, was du am liebsten gegessen hast. Falls ich es überhaupt wusste. War es Papas Nudelauflauf? Die käsetriefende Pizza vom Lieferdienst im Nachbarort? Spag-Bol, schon im Topf zusammengemischt, mit reichlich Nachschlag? Alles, woran ich denken kann, habe ich gerne gegessen.

    Trauer ist immer egoistisch. 

    Würde ich an mehr als an mich selbst denken, dann säße ich jetzt nicht hier, sondern würde etwas erschaffen. Etwas erschaffen, das andere berührt. Als du Mama den Servierwagen geschenkt hast, wusste sie sich nicht recht zwischen Rührung und Enttäuschung zu entscheiden. Du hast ihr dein Gesellenstück gegeben. Aber: Du hast ihr dein Gesellenstück gegeben. 

    Geschichten sind nie wahr, sie verbergen immer auch das, was nicht erzählt wird. Ob du gesprungen oder gestürzt bist, haben wir uns immer und immer wieder gefragt. Vielleicht bist du geflogen, weil du aufgehört hast, dich festzuhalten.

    Was schenkt man jemandem zum Geburtstag, der nichts mehr gebrauchen kann?

    Deinen ersten Geburtstag ohne dich haben wir im Zoo verbracht. Einmal auf der anderen Seite stehen. Glotzen und warten, ob was passiert. Ich wünschte, ich wüsste noch, worüber wir geredet haben. Obwohl eigentlich egal ist, welche Worte wir benutzten, der Inhalt war immer derselbe. Ob ich sagte, dass ich wieder zur Schule müsse, wegen der Deutschklausur; oder Mama, dass die Beerdigungsgäste ruhig den Putz von den Wänden fressen könnten. Irgendjemand war immer schockiert. Man guckt ja nur so gespannt, weil die auf der anderen Seite der Glasscheibe einem selbst so ähnlich sind. Weil man sich vorstellt, dass es ein Leichtes wäre, die Plätze zu tauschen. Manchmal wäre ich so gern auf deiner Seite. Es hat den Falschen getroffen, denke ich dann, aber das geht vorbei.

    Wir wussten beide nie, was wir vom Leben wollten. Sind gemeinsam durch die Messegänge geirrt, an Prospekten voller Zukunft vorbeigestolpert, an Menschen mit Perspektiven entlang und nichts erschien uns richtig. Wahrscheinlich dachten wir beide heimlich, wir seien zu Höherem bestimmt. Die Umsetzung ist Auslegungssache. Du hast einmal gesagt, dass du die ganze Welt in dir drin hättest. Ich hab‘ daraus ein Lied gemacht, mit siebzehn. Weil ich mir noch nie anders zu helfen wusste, als Worte um den Schmerz zu wickeln wie einen Druckverband.

    Es gibt so viele Arten, mit dem Bruch umzugehen, ihn zu verstecken oder zu versorgen. Schmerzen treten immer erst bei Belastung auf.