Ich bin elf Jahre alt und drücke mich mit angezogenen Knien in den großen Polstersessel meines Vaters. Ich bin fast schon zu groß, um von dem grauen Stoff eingeschlossen zu werden, wenn ich quer darin sitze, die Füße auf einer der Armlehnen, den Kopf schräg in die Ecke gedrückt, sodass ich den Fernseher noch sehe, aber ebenso mühelos meinen Blick wegnehmen könnte. Wie gerne wäre ich noch ein bisschen kleiner, noch ein bisschen zusammengerollter, noch ein bisschen unsichtbarer.
Völlig schamlos zeigen meine Eltern abwechselnd auf den Fernseher, über dem Querstreifen immer wieder das Bild zerschneiden, dass es aussieht, als würde es gefährlich flackern und könnte jederzeit ganz verschwinden. Ich wünsche es mir so sehr und schaffe es gleichzeitig nicht, wegzusehen. Nicht von den Erinnerungen, die mir die Fernsehbilder wiedererzählen, in Ton und Farbe heraufholen, und nicht von den lachenden Gesichtern meiner beiden Eltern, ihren schmal glänzenden Augen, ihren gebleckten Zähnen. Eigentlich mögen sie sich längst nicht mehr und können kaum noch etwas anderes als sich quer durch das Treppenhaus anzubrüllen oder ihren gegenseitigen Hass bei uns Kindern abzuladen, die wir uns dann damit abmühen müssen, weil wir erst recht nicht wissen, wohin damit und eine angeborene Loyalität zu beiden Seiten besitzen. Aber heute ist es anders, heute sitzen wir in Papas Wohnung beisammen, wie die kleinen Metallspäne alle auf den Magneten ausgerichtet, der der Bildschirm ist und selbst ich kann mich dem nicht verwehren, obwohl ich das Zentrum dieser Belustigung bin, ich bin der Grund, dass die beiden sich für einen Moment nicht hassen, sondern in ihrer Schadenfreude ganz einträchtig verbunden sind. Mein Bruder sagt nichts, sein Blick geht in Richtung Bildschirm, als würde ein Film für Erwachsene gezeigt, der ihn langweilt, weil er ihn nicht versteht. Womöglich ist er auch nur froh, dass es mein verheultes Kindergesicht ist, das etwas körnig und streifig, aber unverkennbar auf der Oberfläche flimmert und nicht seins.
Währenddessen verhält sich mein Vater, als hätte er eine filmische Meisterleistung vollbracht und meine Mutter wirft mir alle paar Sekunden erwartungsvolle Blicke zu, ob ich denn nun endlich mitlache. Mir fließen die Tränen, mein Gesicht ist irgendwie ungewöhnlich verzerrt, während ich mit unbewegter Miene auf dem Sessel sitze, meinem jüngeren Abbild gegenüber. Mein jüngerer Papa lacht nicht, ist nicht im Geringsten amüsiert, sondern ziemlich ärgerlich, wie er mir das Käsestück immer wieder vor das Gesicht hält, das ich doch so unbedingt haben wollte, weil es aussah wie etwas, das einem Kind schmecken würde.
Das Lachen meiner Eltern verebbt, die Kamera wackelt, kurz denke ich, jetzt habe ich es geschafft, jetzt sehen wir uns meinen Bruder beim Hula-Hoop an, oder was es sonst noch auf Videokassette gibt, jetzt ist irgendjemand anderes dran. Doch das Bild verschwindet nicht, es hat nur aufgehört zu schwanken, die Kamera steht mit bestem Blick auf mein dickbäckiges Kleinkindergesicht, die Wangentaschen voll widerlichem Käse, der sich im roten Wachsmantel und ansprechender Plastikverpackung als Leckerei getarnt hatte. Aber wenigstens einen davon müsse ich aufessen, ich hätte so darum gequengelt, zumindest den einen, hört man meinen Vater, und als würde der Bissen im Mund nicht ausreichen, der eingespeichelt immer größer, immer widerwärtiger, immer unmöglicher zu schlucken wird, sehe ich ohne zu Blinzeln dabei zu, wie er mir den Rest auch noch in den Mund drückt. Ungeduldig und verständnislos, wie man einem Hund Medizin verabreicht, von der das Tier nicht wissen kann, wie wichtig sie ist, so drückt er und drückt dabei nur mehr Tränen, mehr Ekel, mehr Abneigung heraus.
Ich wende den Blick ab und ihm zu, wie er da neben meiner Mutter sitzt, kein bisschen zu bereuen scheint, was sein jüngeres Ich, festgehalten in Bild und Ton, da gerade veranstaltet, und ich hasse ihn mit einer so tiefen Abscheu, wie man sie nur als Elfjährige empfinden kann, wenn jede Gemeinheit sich wie eine Verschwörung der gesamten Welt anfühlt und die Scham so allumfassend, dass nicht bloß die eigenen Wangen, sondern auch die ganze Welt in Babybel-Rot getaucht wird.