Ausgabe: Ausgabe 2

  • mother tongue

    Diese Wände drücken mir die Rippen ein. 

    Ein Bruch hier, – nein, Verzeihung, eine Fraktur nennt man es  wohl – eine Prellung dort. Blau staut es sich, ja, schwillt es unter  meinem Herzen, vergeht in Buttergelb und Salbei. Niemand hier  kennt meinen Namen, für sie ist er nicht von Belang. Mein  verräterisches Gesicht lediglich eines unter zahllosen  Studierenden.  

    Hier bin ich nur sicher, wenn ich schweige, so viel weiß ich  schon. Jedes meiner Worte stieße gegen Beton, splitterte an den  Kanten, der Putz stäche in meine Zunge. Wochenlang würde ich  den Sand schmecken, den Zement, das dreckige Wasser. Würde  vergiftet auf dem Sofa siechen, merken, wie meine Organe  erhärten und vor Scham zerfallen.

    »Sieh sie dir an«, würden sie sagen, nicht mit Worten, eine  faltige Stirn reiche, »die pelzige Zunge, die den Putz verschlang.« Mein Gott, man hat es mir ja nie gesagt.  

    Obwohl ich, so sagen sie, ihre Sprache nicht spreche, lese ich  stets aus ihren Körpern.  

    Die akademischen Lider, wie sie zittern, wenn ich mein Maul  aufmache. Ihre Lippen, wie sie aufeinander, ja, aneinander reiben  wie Schleifpapier, nur weil ich mir anmaße, Sätze in ihren Hörsaal zu rotzen. Ihre angespannten Hälse, wenn sie verwundert ihren  Schädel in den Nacken legen, weil ich Raum einnehme, den sie  vermacht bekamen und ich nicht. Als stecke meine Zunge in ihren  Wirbelsäulen, wenn sie sich drehen. Wenn sie Wirbel knacken und 

    Bandscheiben vorfallen lassen, reißen sie mir meine Worte aus  dem Mund, bevor ich sie sprechen kann.  

    So ziehe ich zurück, bewahre sie und ducke mich in ihren  Räumen. Versiegle meine Lippen und hinterlasse, was ich sagen  will, ganz klein. Ich schwitze meine Worte zu hochprozentiger Wut. Meine Sprache zieht den Kopf ein und hofft. Sie hofft, durch  Türspalte zu huschen, die maroden Treppenhäuser zu erklimmen  und den Aufstieg unbemerkt zu schaffen. Doch alle Stufen  knarzen, wenn man nicht weiß, wo man hinzutreten hat.  

    »Sieh sie dir an«, würden sie sagen, nicht mit Worten, ein  knackender Lendenwirbel reichte, »die mickrige Zunge, die den  Fehltritt trat.« 

    Mein Gott, man hat es mir ja nie gesagt.  

    Zwischen Stockwerken sehe ich die Risse im Putz. Ich fahre die Wandwunde mit den Fingern nach, folge und  krache kopfüber in ihren Ausbruch. Dort sitzen sie, jeder und jede  Einzelne, hinter verschlossener Tür, hinter vorgehaltener Hand,  im Seminar. Glotzen mir mit ihren matten Augen auf den Mund  und wuchten sich unter die Türklinke, verriegeln den  Notausgang. Eine Schande, wäre ich im gleichen Raum. Genug davon, sabbere ich, es langt. 

    Durch die Bauchdecke sieht man meine Magenwand glühen,  glutrot wie ein Schmelztiegel, sengend. In mir brodelt es, schlägt  über den Rand, spuckt kochend meine Speiseröhre hinauf. Mein Kiefer schmilzt meine Wut und schmiedet sie zu mattem Stahl.  Ein Vorschlaghammer wächst aus meinem Mund, drängt meine  stumpfen Zähne zur Seite und schafft Platz für all das Ungesagte,  all das Verschluckte. 

    Schon immer wurde sie versteckt und klein gehalten,  beschnitten und korrigiert, diszipliniert und konditioniert.  Abgetan als Schwäche, aufgeblüht als Waffe – meine ach so  schamhafte Sprache. Blinde Rage kocht meine Augäpfel trüb und  ich gehe auf sie los. 

    Ich hole aus, schlage zu. Klinke aus dem Schloss, Lack vom  Furnier. Aus den Angeln springt mir die Tür entgegen. Eine  Traube um mich und ich speie all die Worte, die sie zu hören nicht  geboren worden sind. 

    Ich hole aus, schlage zu. Scheiben aus den Fenstern, Stuck von  der Decke. Aus den Kupferleitungen prescht Scham und  verdampft. Der Raum leer und die Wände nur mehr nackter  Unterbau. 

    Die Institution ist nicht unzerstörbar. Ich reiße ihre Wunden  auf, entkerne ihre Räume und offenbare schamlos ihr fehlerhaftes  Fundament. 

    »Sieh sie dir an«, würden sie sagen, körperlos, nur mit den  Silben, die ihnen blieben, »die dreckige Zunge, die die Mutter ihm  vermachte.« 

    Mein Gott, man hat es mir ja nie gesagt, also sage ich es nun. Die Knochen der Institution liegen brach. Wir brauchen neue  Räume. Müssen sie bauen, aus der Wut, die wir fühlen. Müssen sie  verputzen, mit der klebrigen Scham, die so lange an uns gehaftet  hat. Fragt man nach dem Schlüssel, zeigen wir unsere Hände, die  unserer Mütter und Väter, die unserer Großeltern. Verkratzt, staubig und schamlos werden sie in Hemdsärmeln  versteckt, als wären sie falsch. Als gelte es zu verstecken, was die  Arbeit in unsere Körper schrieb. 

    Als läge es an uns und nicht am System. 

    Zu keinem Zeitpunkt waren wir falsch. 

    Nie haben wir nicht funktioniert. 

    Los, spucken wir die Scham in den Wind.

  • Parole

    Alles muss raus. 

    Sommerschlussverkauf. 

    Niemand soll rein. 

    ICE ICE Baby, rufen sie in den Staaten. 

    Hier rufen sie Ausländer raus. 

    Originalität. 

    Alles für alle, zumindest fast alle. 

    Verboten sind Alle, die nicht so sind  

    Wie alle. 

    Sie rufen nach Quoten, Namensverzeichnissen. 

    Ich rufe Angst, sie lachen darüber. 

    Ich sage: ich schäme mich wegen euch. 

    Sie sagen: Vernunft. 

    Alle müssen raus. 

    Sommerschlussverkauf. 

  • Frühling

    Es hatte sich herumgesprochen, dass Theresa Schwanz gelutscht  hatte. Viele Beschreibungen wurden für den Vorfall genutzt: Sie  hatte jemandem einen geblasen oder ihn am Penis gesaugt; ab und  zu hörte man, fast gehaucht, das Wort „Blowjob“ durch die Gänge  wabern, nach einiger Zeit reichte allein ein zum Mund gestreckter  Zeigefinger. Aber seit ein lauter Junge das Ganze  „Schwanzlutschen“ genannt hatte, hatte sich der Ausdruck in  Amelies Hirn festgesetzt und war dort unzählige Male hin und her  gesprungen wie ein Basketball, bis er auf dem Boden ihres Kopfes  zum Stillstand kam. 

    Dann sprang er wieder auf, wenn sie im Unterricht oder am  Abendessentisch saß, um von einer zur anderen Hirnhälfte zu  springen. Schwanzlutschen, das Wort, wurde mit der Zeit immer  plastischer für sie, während der eigentliche Vorfall zu einer  dunklen und ungewissen Vorstellung wurde wie eine längst  vergessene Erinnerung. 

    Man wusste, dass es in einem Parkhaus passiert war; oder man  vermutete es. Theresa konnte sie sich vorstellen, auch hockend, aber schon bei ihrem Gesicht wurde es schwammig. Noch  schwieriger war es mit dem Jungen. Er entwickelte sich von einer  vagen Figur in Trainingsjacke (die war zumindest bei den Jungen  in ihrer Klasse beliebt) zu einem mehr oder weniger schwebenden  Penis – das einzige fleischerne Stück an einem geisterhaften  Schatten. Nur wusste sie auch nicht, wie groß der Penis eines  Jungen in ihrem Alter eigentlich war. In Gedanken pustete sie den  Penis auf und ließ ihn dann wieder ganz klein  zusammenschrumpfen, wodurch er sich in unbestimmten  Bewegungen vor Theresas Gesicht auf und ab bewegte. Die  gesamte Vorstellung fing nach einiger Zeit an, ihr Angst zu  machen. 

    Da war das Wort Schwanzlutschen eine willkommene  Unterbrechung, die sie sich immer wieder in den Kopf holte.  Schwanzlutschen war drastisch, doll; es war ein Wort, das sich  herrlich hart auf ihrer Zunge anfühlte. Man konnte das erste „sch“  ganz langziehen und den Rest dann schnell hinterher schnalzen  lassen. Manchmal bewegte sie den Mund im Unterricht, als würde  sie es sagen, hielt die Lippen dabei aber geschlossen. Es war ein  riskantes Spiel, das ihr Adrenalin durch die Fingerspitzen  schießen ließ. Wenn sie sich vorstellte, dass das Wort irgendwann  aus Versehen aus ihr raussprudeln könnte, war sie aufgeregt und  unfassbar angsterfüllt zugleich, so sehr, dass sie den Kopf  schütteln und sich in eine andere Richtung wenden musste. 

    Sie konnte sich noch daran erinnern, als sie das erste Mal von  dem Vorfall gehört hatte. Sie hatte noch nicht gelernt, was man in  so einem Moment sagt. Ihr war nur ein leises „Oh“ über die Lippen  gekommen und ihr Kopf hatte sich beim Gedanken an Theresas  Gesicht automatisch nach unten gesenkt. Erst mit der Zeit hatte  sie all die Wörter gelernt, die man dafür benutzen kann. Sie hatte  beobachtet, wie die Jungs immer lauter wurden, wenn sie darüber  sprachen – Vokabeln: Pimmel im Mund, Yarak lecken, in den Hals stecken, saugen, keuchen, schwanzlutschen. Die Mädchen  dagegen wurden stiller, setzten einen seltsamen, ekelerfüllten  Gesichtsausdruck auf und drehten sich weg – Vokabeln: hm, uh,  iiiih, wäh, nee. Manche trauten sich bis zu einem „Echt?“ oder „Wow!“ vor. Dann hüllte sich ihre Gruppe in Schweigen, eine sanft  aufplusternde Wolke um all ihre Körper. 

    In einem Buch hatte Amelie von einer Vampirin gelesen, die sich  als junges Mädchen getarnt in eine Schule einschleuste. Die  anderen Charaktere beobachteten sie durch schmutzige  Schulfenster und konnten sie nie ganz erkennen, als würde sie in  der Ferne verschwimmen. So in etwa nahm sie Theresa  neuerdings wahr. Manchmal bildete sie sich ein, sie in der Ferne  zu sehen, hinter dem Fußballplatz oder bei den Fahrrädern,  während sie im Klassenzimmer saßen. Durch den Vorfall war sie  von einer gewöhnlichen Schülerin zu einem Phantom geworden,  einer fernen Gestalt, die nie ganz zu fassen war. 

    Weil ihr die ganze Sache insgesamt Angst machte, musste  Amelie sich eingestehen, dass sie Theresa unglaublich mutig fand.  Das Parkhaus und der Geist mit dem fleischernen Penis wurden  in ihrer Vorstellung immer düsterer – nur einmal überlegte sie  kurz, ob die ganze Sache vielleicht sogar tagsüber und nicht in  tiefster Nacht passiert war. So oder so wanderte Theresa immer  wieder in ihre Gedanken und ging mit eisernem Schritt weiter in  ein zehn, manchmal zwanzigstöckiges Horrorparkhaus, das, nur  von ein paar Laternen beschienen, aus der Nacht ragte. Ab und zu  erfand Amelie noch Graffitis und flackernde Lichter hinzu, oder  ferne Polizeisirenen. In der Schule hatte sie besonders viel Zeit,  sich alles auszumalen. Manchmal kam es vor, dass sie fast sauer  war, wenn die anderen Mädchen sie ansprachen, wenn es  klingelte, weil sie noch etwas länger in ihrem Tagtraum hängen  wollte. Das schien den anderen nicht so zu gehen. Mit der Zeit  verlor der Vorfall an Brisanz, die Jungen schrien über neue  Themen und die Mädchen schwiegen weiter. Nur in Amelies Kopf  tanzte das Schwanzlutschen weiter hin und her und fand in  ruhigen Momenten, wenn die Wohnung leer war und die Sonne  unterging, den Weg über ihre Lippen.

  • Leuchtfeuer der Gebrochenen

    Das Nachtgeschrei der Stadt 
    verendet in der Gosse 

    Im ersten Licht bleibt es liegen 
    neben dem Unrat und 
    unserem sterbenden Lachen 

    Im Mundwinkel klebt etwas Blut 
    eine Verletzung ist nicht zu sehen 
    und ich denke an billige Kunst 
    auf den Straßen surreal verpackt 
    als Realitätsersatz aus Plastik 
    für Feiglinge wie uns 

    Wir sitzen auf der Bordsteinkante 
    meine Schulter ist dein Kissen 
    in das du deine Wünsche schmiegst

    Die letzte Zigarette wird geteilt 
    übrig bleibt der Filter 
    er saugt das letzte bisschen Glück auf 

    Ich schnipse sie weg 
    treffe die tote Ratte 
    an der Ablaufrinne

  • Samt

    Das Wispern der Sträucher ist hier draußen bis an meinen  Bewusstseinsrand zurückgedrängt. Meine Brust hebt und senkt  sich im Takt der Planken, über denen der Samt spannt. Im  gebrochenen Abendlicht seltsam verflacht durchgleitet eine  Reihe Schatten das Wasser unter meinen Füßen. Rochen, meine  ich, handtellergroß, eine Familie, vielleicht, geräuschlos vereint. 

    Hier draußen höre ich nur noch die Elemente. Nur die Sonne. Nur  das Meer. Allein in meinem Rücken, dort, wo sich der Steg bis hin  zum Sandstrand kräuselt, dort, hinter den Dünen, ist es noch  immer furchtbar laut. 

    Den Pavillon erkenne ich auch im Gegenlicht. Er ist so verlassen  wie in meiner Erinnerung, das Band über der Eingangstür noch  immer unberührt. Ich raschle mich den Stoff entlang in sein  Inneres, gleite mit den Sohlen über die Bahnen, falte die Hände  über dem Samt und schicke ein Gebet durch die Luke im Dach bis  hinauf in den Himmel. 

    Dass mich dort – oder hier – jemand hört, glaube ich nicht. Ich  fülle einfach diesen Raum, alleine, weil er mir gehört. Höre  endlich, wer da spricht. Forme daraus, wer ich bin. Mache keine  Kompromisse. Ziehe eine letzte Grenze. 

    Und empfinde: beinah nichts. 

    Es wird dunkel, hat Mutter gesagt, die Wangen noch nicht ganz  trocken. Es wird ihre Sorge bleiben. 

    Geh nicht, hat Vater gesagt, die Hände, noch rot, auf ihren  Schultern. Es wird sein Bedürfnis bleiben. 

    Ich hätte sagen können: Ich muss, 

    vielleicht sogar: Ich will.

    Hätte erklärt, vermittelt, besänftigt, erstritten. Sie nicht mit  sich allein gelassen. Ihre ganze Welt getragen. 

    Doch ich habe nichts gesagt. 

    Ich habe mich umgewandt, die Mutter, den Vater, sie beide im  Rücken, den Blick auf dem Pavillon im Gegenlicht. Auf dem  samtenen Steg inmitten der Gischt. Den Blick nur auf den  Elementen. Nur auf der Sonne. Nur auf dem Meer. 

  • Die App

    „Willst du vorbeikommen?“, 
    schreibe ich am Abend, und er 
    tippt nur zurück „Klar“ 
    Er brauche nur etwas Zeit 

    Und bald schon wieder 
    verstecken sich seine Rehäuglein, 
    sehen mich kaum an, 
    er beißt in ein Kissen 
    und sein Näschen saugt 
    den Geruch von Poppers auf 
    unter Stoß und Erschütterung, 
    Stoß und Erschütterung 

    Und wieder plötzlich dann 
    läuft er wortlos davon 
    und verschwindet in der Nacht

  • Mit einem Magneten am Kühlschrank zwischen  Mahnungen und Arztterminen der letzten Jahre befestigt 

    Liebe (Zukunfts-/Gegenwarts-) Arden und (Vergangenheits-)  Katharina, 

    Dieser Brief und diese Gedankenliste sind für euch. Für euch,  weil es schwer ist zu leben. Es gibt nichts Schwereres. Sich daran  zu erinnern, dass Freiheit in Zukunft auch für euch erreichbar ist,  grenzt an Unvorstellbarkeit. Ihr als veränderliche Wesen seid so  unterschiedlich und dabei ertragt ihr euch gegenseitig nicht,  ertragt euch nicht mal selbst. Wie wollt ihr jetzt in Zukunft leben? 

    Ich habe einen Blick in euch gewagt und eine Sache aus der  „Damit-wird-sich-nicht-beschäftigt“-Kiste gegriffen. Was ich  herausgriff schnitt in meine Handflächen und machte aus  Bauernhänden papierseidene. Es war die Scham, die ihre  Täterspuren, die Wunden verklebte. Wenn ihr Leben wollt, dann  sollte für euch die Zeit der Scham vorbei sein. Auf die Narben  sollte die Sonne scheinen, es wäre viel zu schade, wenn sie es  nicht täte. 

    Ich weiß, dass dir als Kind erzählt wurde, dass du als Mädchen  und später Frau von Geburt an sündig bist. Dass unser Körper und  wir als Mensch nicht gleichwertig zu Jungen und Männern sind.  Du hast nicht verstanden, woher die Ablehnung kam, denn du  warst jungenhaft in den Augen der anderen Menschen. Eine Sache  hast du aber dann doch begriffen, die Scham, die du spürst, die  liegt tief verwurzelt. Denn Außenmenschen wollten dich zu einem  Mädchen und später zu einer Frau machen. Sie gaben dir dein  Geschlecht und mit ihr im Paket die Scham als Beipackzettel. Egal,  wie oft dir Fremde gesagt haben, Schamlippen haben nichts mit  Scham zu tun, blieb doch der Eindruck von der Welt, dass du dich  als Frau für alles schämen musst. Das fängt mit deinem Körper an  und wird nie aufhören in deinen Gedanken dich anzuschreien. 

    Deshalb konntest du dich nie von der Scham trennen, denn sie  hat dich am Strick festgehalten und mit deinen Schwestern  verbunden. Wenn eine von den Frauen gehängt wurde, stolperte man ihr hinterher und der Hocker löste sich von den Füßen. Ohne  Genickbruch hatte man Zeit beim Ersticken nachzudenken über  alles, was einem angetan wurde.  

    – Du schämst dich als Frau wahrgenommen zu werden und  dabei die gesellschaftlichen Erwartungen nicht zu erfüllen,  denn du bist keine Frau 

    – Du schämst dich für deinen Körper. Für Periodenblut,  Unterleibschmerzen und Rückenschmerzen von Brüsten, die  dich zu Boden ziehen und dafür, dass Männer dir in deinen  Ausschnitt schauen, wenn sie auf dich hinabblicken 

    – Du schämst dich für zu viel Gewicht, das als Kind gekommen  ist, um mit Einsamkeit umzugehen und das geblieben ist, weil  du noch immer Angst hast, übersehen zu werden 

    – Du schämst dich für Narben und offene Wunden, weißt nicht  wie du mit ihnen umgehen sollst, kratzt sie auf, schabst dein  Gesicht von deinem Gesicht und schämst dich nur noch  mehr, bis du dich nicht wiedererkennst 

    – Du schämst dich so sehr, dass du nicht zum Arzt gehst, dass  du dich gar nicht wundern würdest, wenn es zu spät für dich  und eine Heilung wäre 

    – Du schämst dich so sehr, dass du dich nicht traust zu lieben  und deshalb nur von Liebe und Nähe schreibst und solange  ungevögelt bleibst 

    Du träumst von Küssen, weichen Lippen, Armen, die dich halten  und Händen, die dein Herz berühren und ein Pflaster auf die  Wunden legen. Du träumst von einer Stimme, die dir sagt, dass sie  da ist und du nicht mehr allein mit deinen Gedanken bist. Dein  Wunsch: Körper, an Körper, Brüste an Brüsten. Jetzt wirst du rot.  Dir ist heiß. Warum bist du es nicht vorher geworden? Bist du  jetzt etwa wegen der Brüste rot geworden? Oh Gott, das ist ja  beinahe niedlich. 

    – Du schämst dich so sehr, dass deine Wünsche und Träume  verschlossen bleiben und du nicht für dich, sondern nur für  die Gesellschaft arbeitest, die Gesellschaft, die dich  genussvoll, wie eine hohle Nuss knackt

    – Du schämst dich dafür nicht wütend zu sein und stattdessen  in der Scham zu versinken  

    Meine Scham zerstört mich, körperlich wie auch geistig. Ich  hatte nie die Möglichkeit gehabt, der Mensch zu sein, der ich  gerne gewesen wäre. Vielleicht werde ich nie die Möglichkeit  haben. Es liegt jetzt an Arden, um das zu ändern. Katharina war  ein Kapitel und Arden wird ein Buch sein, bestimmt, oder? Ein  Buch will doch gelesen werden. 

  • quamquam

    (I) 

    obwohl wir keine briefe mehr schreiben 

    hängen unsere hände in wörternebel 

    der kopf er schreit: schreib!! und sie  tippen 

    bedeutsam auf tasten, basteln wörter  und es  

    klappert 

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    taste doppelpunkt 
    taste klammer zu 
    taste enter 

    und aus dem basteln wird ein  unruhiges warten, denn 

    die postfiliale in der hosentasche,  strahlt wie ein pager 

    und wenn der empfangsmensch mit  den tasten gebastelt  

    hat 

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    taste doppelpunkt 
    taste klammer zu 
    taste enter 

    dann vibriert die hose vor erregung  und meint es gar  

    hot and spicy mit uns  

    (II) 

    obwohl nun vieles dafür spricht  zurückzubasteln 

    lässt die vibration in der rechten  hosentasche nicht 

    nach, denn viele sendemenschen  basteln auf ihren 

    digitalen briefen die antworten von  morgen 

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    taste fragezeichen 
    taste enter 

    in ein, zwei, drei, zwanzig abteilungen  sammeln sich  

    die brieflosen texte und obwohl wir  als fleißige  

    postmenschen es schaffen würden  alle zu  

    bearbeiten, so blockiert unser  rechenzentrum und  

    wir schließen die filiale für den tag //  shut down

    (III) 

    obwohl die öffnungszeit auf 24/7  gestellt ist, steht der  

    betrieb, die schlangen werden länger,  die  

    rezensionen schlechter und die 2,7  sterne prangern 

    an unserer stirn. störfrequenzen aus  stresshormonen  

    lassen die antworten verschwimmen 

    taste
    taste o
    taste r
    taste
    taste
    taste enter 

    und wir versinken im  nachrichtenchaos, im  

    vibrationszirkus, im  strahlungsspektrum, seicht 

    und oberflächlich werden die  gedanken und hinter 

    dem begrenzten wortschatz zeichnet  sich die  

    sprachlosigkeit ab 

    (IV) 

    obwohl der rahmen steht: fluchtartig  nehmen die  

    finger reißaus, klopfen, scheppern,  schlagen, tippen,  

    hauen nicht mehr in die tasten,  verlieren das  

    vertrauen in ihre signifikanten und  dekodieren die  

    gedanken zu lautmalereien. im schall,  der aus den  

    lautsprechern tritt, ist sinn zu  entziffern 

    taste audio 
    halten 
    loslassen 

    taste audio 
    halten 
    loslassen 
    taste audio 
    halten 
    loslassen 

    repetitiv wird gedrückt, gehalten,  gesprochen,  

    entschuldigt, gefragt und losgelassen.  abteilung 

    für abteilung verstummt. 

    (V) 

    obwohl der rabenschwarze  bildschirmscreen deine  

    kommunikationsleere fratze spiegelt.  obwohl deine  

    gedanken nicht mehr über  synapsenstränge schießen 

    sich im world wide web verlaufen, bist  dann noch du – 

    du? der bildschirm hell 

    franzi: was los lol 

    lukas: morgen voll?

    rahel: du bist toll! 

    und du wischt rechts rechts rechts,  drückst stop 

    hältst lange, länger, am längsten und  die schwärze 

    bleibt nun hier, zeigt dir dein digitales  tier und du 

    siehst nur deinen doppelgänger  brüllen 

    (VI) 

    obwohl nun die dramen aus deinem  kopf dringen und 

    dein zimmer zur theaterbühne  umfunktionieren  

    stehst du entgeistert daneben, siehst  wie sich die  

    ränge füllen mit höhnischen fratzen  und seelischem  

    verfall. obwohl du als regisseur  entmutigt daneben  

    sitzt (im datenchaos versinkend),  reißt dir das world  

    wide web deine lungenflügel aus,  erzeugt atemnot  

    inmitten des elektronischen tumults.  der sauerstoff 

    mangel knipst deinen dendriten das  licht aus. zurück  

    bleiben nur: DU und DEIN! 

    (VII) 

    obwohl dein gehirn an  funktionsfähigkeit verliert,  

    hörst du nicht auf zu sein. ein wandel  stellt sich ein: 

    LIES! SCHREIB! ANWORTE! deinen  followern. du bist  

    ein junger gott umgeben von jungem  vieh.  

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    sendest dein über-ich hinaus in die  welt, nimmst dir 

    mehr raum als dir zusteht, verdrängst  alles und jeden der auf dich zugeht.

  • dem mutualismus den wir uns verzapfen

    suendenfallen genitalaufnahmen nach wie vor blosze entbloeszte surrogatmanoever  um kitschig abzulenken von wahrhaftigen schamlosigkeiten zum beispiel obszoenen reichtum gegen deutlich armutssenkende umverteilung mit saemtlichen brachialen methoden skrupellos krass zu verteidigen & sich zugleich in sekt & kaviar zu suhlen wo gold schon laengst nicht mehr glaenzt sondern besudelnd gipfel voll perversion  zu menschlichem unrat antialchemistisch zurueckverwandelt graesslich widerliche aufgeblasene fratzen zusehends entstellt  welche uns dennoch via vereinnahmende codierungen zu sueszen idealen stilisiert aufdiktieren was schoenheit als groesze erfolg & erstrebenswertes zu sein haette o & wuerden wir wirklich dran glauben muessten wir suizide auf raten skalpelle zur umformung unserer natuerlicheren gestalten zu rate ziehen in kauf nehmen plus unsre schulden & zinsen abstottern brav abhaengig von diesen laechelnd uns aussaugenden vulgaeren hyperparasiten

  • Charmelos

    Bei Netto stehe ich mit meinem Pfandzettel, einem  Buttercroissant und einer Dose Pils am Kassenband. Ich frage  mich, welche kranke Sau eigentlich auf die Idee gekommen ist,  Süßigkeiten und kleine Flaschen Hochprozentiges an der Kasse  zu präsentieren. Wo die Leute warten. Weil das Einkaufen mit  einem aufgeregten Kind an der Hand für die meisten Eltern sonst  ja ganz entspannt ist. 

    Gerti von gegenüber kauft die kleinen Schnapsflaschen nicht  mehr. Sie hat eine Zeit lang versucht, vom Alkohol loszukommen,  da hat sie es jedes Mal durch die Spirituosenabteilung geschafft,  um dann doch an der Kasse die kleinen Fläschchen zu kaufen.  „Geht zu doll ins Geld“, hat Gerti gesagt, als ich mal fragend  geguckt hab. Sie kauft jetzt wieder die großen Schnapsflaschen.  (Ich glaube nicht, dass das Geld das Problem war. Von den kleinen  kann man auch immer heimlich eine einstecken, wenn man zwei  kauft. Ich glaube, Gerti hat sich einfach geschämt, dass sie an  dieser Kassenauslage nicht vorbeigekommen ist, ohne  zuzugreifen.) „Schämen sollte sich, wer sich sowas einfallen lässt“,  denke ich. Ich gehe allerdings eher davon aus, dass die Person  eine Beförderung für ihre exzellente Verkaufsstrategie  bekommen hat.  

    In solchen Momenten denke ich oft an Luisa. Wir verbrachten  einen Sommer verliebt in der Stadt, machten Picknicks am See  und stahlen Obst. Wir steckten es uns direkt im Supermarkt in die  Münder und grinsten, als uns Traubensaft aus den Mundwinkeln  rann. Luisas Eltern wünschten sich für sie eine solide Karriere.  Anwältin, oder besser, Notarin sollte sie werden. Ich lernte sie auf  einer Studi-WG-Party kennen, als sie bereits Jura im dritten  Semester studierte. Sie erzählte mir, wie sie sich häufiger auf der  Schultoilette einschloss und weinte, wenn ihre Klassenarbeiten  keine Bestnoten einbrachten. Was denn los gewesen sei, hätte  ihre Mutter oft gefragt, und ihr Vater hätte nahegelegt, das  Volleyball-Training sausen zu lassen, es sei ja gerade eine  prägende und wichtige Phase für ihre Laufbahn und da könne sie  sich nun wirklich keine Ablenkungen leisten. Einen Freund nach  Hause zu bringen, um ihre Eltern kennenzulernen, hatte sich  Luisa bis dato noch nicht getraut. 

    Ich hatte damals auch studiert. Soziologie, nach 5 Semestern  exmatrikuliert. Rückblickend war ich hauptsächlich da, um mit  den anderen Studis tagsüber Wein zu trinken und uns unsere  Ahrends, de Beauvoirs und Foucaults um die Ohren zu hauen.  Luisa und ich jedenfalls wurden kurz nach dieser Party ein Paar.  Ich fand das mit dem Rotwein eigentlich immer so künstlerisch 

    kultiviert und Luisa sah in mir dadurch wohl genau den leicht  erziehbaren Softie-Rebellen, der ihre Eltern genug stören würde,  um von ihren anderen Entscheidungen abzusehen. Luisa war  nämlich drauf und dran, das Studium abzubrechen. (Welchen  Weg sie denn sonst gehen wollte, interessierte mich nur am Rande. Das Thema Beruf und Karriere war ja auch zu bourgeois,  um sich ernsthaft lange damit zu beschäftigen.) 

    Als der Herbst kam, tat ich eigentlich nichts anderes mehr als  mich in Tagträumen zu bewegen, ich könne ein wichtiger  Intellektueller des Widerstandes werden, so wie Chomsky. Ich  verlor wohl ein wenig den Bezug zur Realität, denn als mir Lisa  schlussendlich den Laufpass gab, sagte ich nur, sie würde in 20  Jahren allen erzählen, dass sie einmal mit mir zusammen war und  die Gelegenheit versäumt hatte. An diesem Tag war ich ungefähr  einen Monat lang nicht mehr nüchtern gewesen.  

    Ich konnte Luisa eine Zeit lang vergessen, aber nach einer  längeren Nacht stieß ich kurz vor dem Einschlafen auf ein Video  von ihr. Es stellte sich heraus, dass das Video geklaut worden war.  Auf ihrer privaten Seite konnten Männer gegen Bezahlung intime  Fotos, Videos und sogar regelmäßige Nachrichten von ihr  erwerben.  

    Es fühlte sich wie eine zweite Chance an. Ich habe ihr nie  gesagt, wer sich hinter dem Benutzernamen Grapejuice69  verbirgt und ich weiß nicht, ob sie mich jemals im Verdacht hatte.  Mein Erspartes liegt jetzt auf ihrem PayPal-Konto. Steuerfrei. Seit  ich keine Wohnung und kein Telefon mehr habe, kriege ich nichts  mehr von ihr mit. Es ist beinahe so, wie einen Entzug zu machen.  Das Gefühl, immer alles falsch gemacht zu haben, der  resultierende Selbsthass und die Wut auf eine Welt, die einen erst  mit dieser ganzen Misere gestraft und dann alleine gelassen hat.  

    Das Brennen über meinem Zwerchfell wird stärker und auch  das halbe Pils in einem Zug wegzutrinken hilft nichts. Ich  schleiche rüber zu Gerti und frage sie nach einem Schluck von  ihrem Korn. Sie blickt mich an und reicht mir wortlos die Flasche,  denn wir beide wissen: Manchmal hilft gegen das Brennen nur  noch etwas Brennendes.