Liebe (Zukunfts-/Gegenwarts-) Arden und (Vergangenheits-) Katharina,
Dieser Brief und diese Gedankenliste sind für euch. Für euch, weil es schwer ist zu leben. Es gibt nichts Schwereres. Sich daran zu erinnern, dass Freiheit in Zukunft auch für euch erreichbar ist, grenzt an Unvorstellbarkeit. Ihr als veränderliche Wesen seid so unterschiedlich und dabei ertragt ihr euch gegenseitig nicht, ertragt euch nicht mal selbst. Wie wollt ihr jetzt in Zukunft leben?
Ich habe einen Blick in euch gewagt und eine Sache aus der „Damit-wird-sich-nicht-beschäftigt“-Kiste gegriffen. Was ich herausgriff schnitt in meine Handflächen und machte aus Bauernhänden papierseidene. Es war die Scham, die ihre Täterspuren, die Wunden verklebte. Wenn ihr Leben wollt, dann sollte für euch die Zeit der Scham vorbei sein. Auf die Narben sollte die Sonne scheinen, es wäre viel zu schade, wenn sie es nicht täte.
Ich weiß, dass dir als Kind erzählt wurde, dass du als Mädchen und später Frau von Geburt an sündig bist. Dass unser Körper und wir als Mensch nicht gleichwertig zu Jungen und Männern sind. Du hast nicht verstanden, woher die Ablehnung kam, denn du warst jungenhaft in den Augen der anderen Menschen. Eine Sache hast du aber dann doch begriffen, die Scham, die du spürst, die liegt tief verwurzelt. Denn Außenmenschen wollten dich zu einem Mädchen und später zu einer Frau machen. Sie gaben dir dein Geschlecht und mit ihr im Paket die Scham als Beipackzettel. Egal, wie oft dir Fremde gesagt haben, Schamlippen haben nichts mit Scham zu tun, blieb doch der Eindruck von der Welt, dass du dich als Frau für alles schämen musst. Das fängt mit deinem Körper an und wird nie aufhören in deinen Gedanken dich anzuschreien.
Deshalb konntest du dich nie von der Scham trennen, denn sie hat dich am Strick festgehalten und mit deinen Schwestern verbunden. Wenn eine von den Frauen gehängt wurde, stolperte man ihr hinterher und der Hocker löste sich von den Füßen. Ohne Genickbruch hatte man Zeit beim Ersticken nachzudenken über alles, was einem angetan wurde.
– Du schämst dich als Frau wahrgenommen zu werden und dabei die gesellschaftlichen Erwartungen nicht zu erfüllen, denn du bist keine Frau
– Du schämst dich für deinen Körper. Für Periodenblut, Unterleibschmerzen und Rückenschmerzen von Brüsten, die dich zu Boden ziehen und dafür, dass Männer dir in deinen Ausschnitt schauen, wenn sie auf dich hinabblicken
– Du schämst dich für zu viel Gewicht, das als Kind gekommen ist, um mit Einsamkeit umzugehen und das geblieben ist, weil du noch immer Angst hast, übersehen zu werden
– Du schämst dich für Narben und offene Wunden, weißt nicht wie du mit ihnen umgehen sollst, kratzt sie auf, schabst dein Gesicht von deinem Gesicht und schämst dich nur noch mehr, bis du dich nicht wiedererkennst
– Du schämst dich so sehr, dass du nicht zum Arzt gehst, dass du dich gar nicht wundern würdest, wenn es zu spät für dich und eine Heilung wäre
– Du schämst dich so sehr, dass du dich nicht traust zu lieben und deshalb nur von Liebe und Nähe schreibst und solange ungevögelt bleibst
Du träumst von Küssen, weichen Lippen, Armen, die dich halten und Händen, die dein Herz berühren und ein Pflaster auf die Wunden legen. Du träumst von einer Stimme, die dir sagt, dass sie da ist und du nicht mehr allein mit deinen Gedanken bist. Dein Wunsch: Körper, an Körper, Brüste an Brüsten. Jetzt wirst du rot. Dir ist heiß. Warum bist du es nicht vorher geworden? Bist du jetzt etwa wegen der Brüste rot geworden? Oh Gott, das ist ja beinahe niedlich.
– Du schämst dich so sehr, dass deine Wünsche und Träume verschlossen bleiben und du nicht für dich, sondern nur für die Gesellschaft arbeitest, die Gesellschaft, die dich genussvoll, wie eine hohle Nuss knackt
– Du schämst dich dafür nicht wütend zu sein und stattdessen in der Scham zu versinken
Meine Scham zerstört mich, körperlich wie auch geistig. Ich hatte nie die Möglichkeit gehabt, der Mensch zu sein, der ich gerne gewesen wäre. Vielleicht werde ich nie die Möglichkeit haben. Es liegt jetzt an Arden, um das zu ändern. Katharina war ein Kapitel und Arden wird ein Buch sein, bestimmt, oder? Ein Buch will doch gelesen werden.