Ausgabe: Ausgabe 2

  • „Am schlimmsten ist mit denen, die neben der Toilettentür  schlafen“

    Es ist dunkel und ich muss Pipi. Ich muss immer so, wenn ich  aufwache. Wenn Pipi, dann muss man aufstehen. Mit der Matratze  quietschen, auf den Boden treten. Ich weiß nicht, ob ich Bock  habe. Ich weiß nicht, ob es sich lohnt. Ich weiß nicht, ob ich genug  muss. Aber ja, ich muss. Ich muss Pipi. Voriges Mal kam es vor,  dass ich es bis fünf, sechs Uhr morgens gehalten habe und dann  war ich am Tag wie ein Zombie. Wie spät ist es? Halb eins. Es geht  nichts über das Aufwachen gleich nach dem Einschlafen. Aber gut,  ich muss. Ich setze mich auf dem Bett auf, decke mich ab und  stelle meine Füße auf den Boden. 

    Die anderen im Zimmer. Ich weiß nicht, zu wievielt sie uns hier  reingesteckt haben, das ist erst die erste Nacht. Ich nehme das  Handy, es leuchtet, ich decke den Bildschirm ab mit der Hand. Am liebsten würde ich es in der Tasche verbergen, aber im Pyjama  gibt es keine Taschen und ich muss ja ein wenig sehen. Ich muss  ja vorsichtig sein. Und wenn doch die eine die Augen aufmacht?  Aber eigentlich schlafen sie wohl. Wohl. Sie haben geschworen,  sie schnarchten, die eine sagte, dass sie im Schlaf redet, aber es  ist überall still und man hört nur mich, wenn ich aus dem Bett  steige. 

    Der Boden quietscht. Man weiß nicht, was für ein Klang es ist,  die Bretter singen oder stöhnen, auf keinen Fall schweigen. Um  die Ecke biege ich nach rechts und dann gleich nach links, um das  Bett nicht zu stoßen, das Bett von … Wie hat sie geheißen? Es ist  mir lieber, wenn sie schläft, als dass sie aufwacht, um mir das zu  sagen. Ich sehe sie nicht, aber ich weiß, dass sie da ist. Wie all die  anderen. Wie alle, die schlafen. Es quält sie nichts, sie haben keine  Probleme, nehmen nichts zum Schlaf und nur ich muss mich in  der Nacht herumtreiben. Den Weg habe ich bereits am Tag geübt.  Noch bevor ich den Koffer ausgepackt habe, habe ich schon die  Schritte geprüft: Wie geht man, um anzukommen und niemanden  zu wecken, wenn ich selber aufwache? 

    Am schlimmsten ist mit denen, die neben der Toilettentür  schlafen. Was werden sie sich denken? Sie werden sich sicher  etwas denken. Sie denken bereits, im Schlaf. Am Morgen kommt  es am Frühstück, dass alle von Wasserspülen geträumt haben.  Und wenn ich sie tatsächlich wecke? Dann werden sie sehen, wie  ich wirklich bin, weil ich Pipi muss, und ich kann sogar auf dem  quietschenden Boden nicht so gehen, dass es nicht quietscht. 

    Ich mache das Licht an. Unwillkürlich mache ich das Licht an.  Ich habe mir sovielmal in den Gedanken gesagt, das Licht nicht  anzumachen. Ich leuchte doch mit dem Handy und  schlussendlich finde ich auch im Halbdunkeln den Weg zur  Klobrille. Aber es ist bereits zu spät. Alle wissen es schon. Ich  spüre ihre geöffneten Augen an mir. Sie wissen, dass ich Probleme  habe und in der Nacht Pipi muss. Ich drehe den Kopf und schaue  auf die Wände. Überall die Wände, nur die Wände. Die sauberen,  glatten, freien Wände. 

    Man hat mir doch das Einzelzimmer gegeben.

  • Vergessen ist ein anderes Wort für Nichts

    Bald bist du im Innern gerissen, 
    deine Stimmbänder sind 
    haarfeine Fäden. 

    Ein letztes Mal ziehst du weiter 
    mit Scham,  
    ohne Sprache. 
    Nur dein Körper 
    sagt leise zur Erde: 
    Mutter, nimm mich 
    wieder in deinen Leib.

  • Die Ewigkeit reicht nicht für immer

    Zu lang bist du der Erde 
    aus dem Weg gegangen, 
    aus Scham vor dem Scheitern, 

    dem letzten Bett 
    in ihrem Leib. 

    Dein Kopf spinnt jetzt Silberfäden, 
    die Sprache des Alters, 
    haarfein, manchmal reißt 
    an ihnen die Zeit. 

    Vergiss nicht, 
    zu überwintern, 

    lass deine Augen 
    ein letztes Mal blühen, 

    bis wir uns sattgepflückt haben. 
    Meine Hände haben keinen Halt 

    für Ewigkeit.

  • Babybel-Rot

    Ich bin elf Jahre alt und drücke mich mit angezogenen Knien in  den großen Polstersessel meines Vaters. Ich bin fast schon zu  groß, um von dem grauen Stoff eingeschlossen zu werden, wenn  ich quer darin sitze, die Füße auf einer der Armlehnen, den Kopf  schräg in die Ecke gedrückt, sodass ich den Fernseher noch sehe,  aber ebenso mühelos meinen Blick wegnehmen könnte. Wie  gerne wäre ich noch ein bisschen kleiner, noch ein bisschen  zusammengerollter, noch ein bisschen unsichtbarer. 

    Völlig schamlos zeigen meine Eltern abwechselnd auf den  Fernseher, über dem Querstreifen immer wieder das Bild  zerschneiden, dass es aussieht, als würde es gefährlich flackern  und könnte jederzeit ganz verschwinden. Ich wünsche es mir so  sehr und schaffe es gleichzeitig nicht, wegzusehen. Nicht von den  Erinnerungen, die mir die Fernsehbilder wiedererzählen, in Ton  und Farbe heraufholen, und nicht von den lachenden Gesichtern  meiner beiden Eltern, ihren schmal glänzenden Augen, ihren  gebleckten Zähnen. Eigentlich mögen sie sich längst nicht mehr  und können kaum noch etwas anderes als sich quer durch das  Treppenhaus anzubrüllen oder ihren gegenseitigen Hass bei uns  Kindern abzuladen, die wir uns dann damit abmühen müssen, weil  wir erst recht nicht wissen, wohin damit und eine angeborene  Loyalität zu beiden Seiten besitzen. Aber heute ist es anders,  heute sitzen wir in Papas Wohnung beisammen, wie die kleinen  Metallspäne alle auf den Magneten ausgerichtet, der der  Bildschirm ist und selbst ich kann mich dem nicht verwehren,  obwohl ich das Zentrum dieser Belustigung bin, ich bin der Grund,  dass die beiden sich für einen Moment nicht hassen, sondern in  ihrer Schadenfreude ganz einträchtig verbunden sind. Mein  Bruder sagt nichts, sein Blick geht in Richtung Bildschirm, als  würde ein Film für Erwachsene gezeigt, der ihn langweilt, weil er  ihn nicht versteht. Womöglich ist er auch nur froh, dass es mein  verheultes Kindergesicht ist, das etwas körnig und streifig, aber  unverkennbar auf der Oberfläche flimmert und nicht seins. 

    Währenddessen verhält sich mein Vater, als hätte er eine  filmische Meisterleistung vollbracht und meine Mutter wirft mir  alle paar Sekunden erwartungsvolle Blicke zu, ob ich denn nun  endlich mitlache. Mir fließen die Tränen, mein Gesicht ist  irgendwie ungewöhnlich verzerrt, während ich mit unbewegter  Miene auf dem Sessel sitze, meinem jüngeren Abbild gegenüber.  Mein jüngerer Papa lacht nicht, ist nicht im Geringsten amüsiert,  sondern ziemlich ärgerlich, wie er mir das Käsestück immer  wieder vor das Gesicht hält, das ich doch so unbedingt haben  wollte, weil es aussah wie etwas, das einem Kind schmecken  würde. 

    Das Lachen meiner Eltern verebbt, die Kamera wackelt, kurz  denke ich, jetzt habe ich es geschafft, jetzt sehen wir uns meinen  Bruder beim Hula-Hoop an, oder was es sonst noch auf  Videokassette gibt, jetzt ist irgendjemand anderes dran. Doch das  Bild verschwindet nicht, es hat nur aufgehört zu schwanken, die  Kamera steht mit bestem Blick auf mein dickbäckiges  Kleinkindergesicht, die Wangentaschen voll widerlichem Käse,  der sich im roten Wachsmantel und ansprechender  Plastikverpackung als Leckerei getarnt hatte. Aber wenigstens  einen davon müsse ich aufessen, ich hätte so darum gequengelt,  zumindest den einen, hört man meinen Vater, und als würde der  Bissen im Mund nicht ausreichen, der eingespeichelt immer  größer, immer widerwärtiger, immer unmöglicher zu schlucken  wird, sehe ich ohne zu Blinzeln dabei zu, wie er mir den Rest auch  noch in den Mund drückt. Ungeduldig und verständnislos, wie  man einem Hund Medizin verabreicht, von der das Tier nicht  wissen kann, wie wichtig sie ist, so drückt er und drückt dabei nur  mehr Tränen, mehr Ekel, mehr Abneigung heraus. 

    Ich wende den Blick ab und ihm zu, wie er da neben meiner  Mutter sitzt, kein bisschen zu bereuen scheint, was sein jüngeres  Ich, festgehalten in Bild und Ton, da gerade veranstaltet, und ich  hasse ihn mit einer so tiefen Abscheu, wie man sie nur als  Elfjährige empfinden kann, wenn jede Gemeinheit sich wie eine  Verschwörung der gesamten Welt anfühlt und die Scham so allumfassend, dass nicht bloß die eigenen Wangen, sondern auch  die ganze Welt in Babybel-Rot getaucht wird. 

  • Kontrastfarbe

    Rot, 
    scheint rostig, rosig und rosé, macht Mädchen zu Frauen, die Schreie ertauben,
    ein Flüstern,  
    das lüsterne Ohren verschließt. Rot,  
    wie Lippen zum Küssen, 
    man(n) lässt sich verzücken, Gerippe aus Wut – es glüht, brennt dich aus. 
    Rote Sehnen, 
    zurren, verzerren. 
    Dein Körper Gewebe, 
    lebendige Beute, 
    beständig vertraut. 
    Beschwör eine Sünde,  
    doch Gott hast du längst 
    zu Grabe getragen. 
    Systemische Blutflecken, 
    bedeck sie mit Scham 
    und schweig. 
    Worthülsen,  
    weil uns allen die Sprache versagt,  weil Mutter wie Tochter 
    die Wahrheit beklagt.

  • ממש שם

    Scham-los 
    mamasch scham 
    mamasch scham 
    wirklich dort 
    werde ich dort 
    wirklich meine Scham los 
    dort,

    wo alles begann? 
    dort, 
    wo ich mich versteckte? 
    dort, 
    wo ich mich verbarg? 
    dort, 
    wo meine Scham ihren Anfang nahm? dort, 
    wo DU mir in die Augen blicktest? dort, 
    wo sich in Deinen Augen 
    meine Scham, 
    meine Schande, 
    mein ganzes Sein spiegelte? 
    mamasch scham 
    werde ich meine Scham los 
    mamasch scham 
    spiegelt sich dein Blick, 
    deine Liebe, 
    dein Suchen, 
    dein Verstehen, 
    dein Erbarmen, 
    und ich werde 
    tatsächlich 
    wahrhaft 
    wirklich 
    mamasch scham 
    meine Scham los

  • Mir träumte mich holte ein Bus voller Queers.

    Er kam aus Köln  und fuhr gen Süden Richtung Großbritannien, ich stieg ein und  man lachte auf den Fahrsitzen mit scheckigen Mustern plüschig,  die gelben Haltestangen ein Schilfmeer, in dem ich pastellrote  Mützen trug und Perlenketten, zweckentfremdet. Von hier aus  versuchten wir, die Welt zu re-interpretieren und wir taten es  mit glänzenden Zähnen. Wir fuhren auf problematischen  Autobahnen, wir mussten uns an gewisse Verkehrsregeln halten,  aber alles in allem war das die Fahrt meines Lebens,  

    bis hierher kannte ich nur die Leidfäden der Kleinstadt und der  absurden Konstellation, in der ich die ersten 18 Jahre verbrachte,  ausschwärmen konnte man nur von seiner Parzelle und die zog  mir Bleistiftröcke an 

    die Scham brachte man mir von dort aus bei, auch darüber, dass  mich das ein oder andere Lachen verlegen machte und sich das  nicht analytisch sortieren ließ in Menschen eines spezifischen  Phänotyps  

    sie hatte sich zwischen Adamsapfel und Magenschleimhaut  schon breit gemacht, sie hatte sich eingenistet, gleich als ich  zum ersten Mal in einem Raum voll Menschen stand mit  Patschehändchen, die anderen kamen und küssten mich und ich  schlug um mich, ich wusch mir die Wangen und es krabbelte mir  heiß die Beine runter, 

    und später, als man doch um mich rum hätte mündig sein sollen, passierte dasselbe, wieder und wieder die unerwünschte Nähe  und die Umwelt voll mit Sehnsuchtsobjekten, die sich in  schwindelerregender Karussellfahrt bewegten 

    und ich lese immer wieder von Feigenblättern.

    Die Scham über Pflichtverletzung und, dass ich nie einen Beitrag  leistete, zur Erhaltung der Art und Vermehrung des Kapitals 

    Ich musste altern, um zum Atmen zu kommen, zum  Eingeständnis, dass ich keinen Tag meines Lebens Geld  verdienen will und das auf feministische Weise, prinzipiell fehlt  uns kulturhistorisch der weibliche Tunichtgut, das las ich vor  Jahren und beschloss, einer zu werden. 

    Zwischen Auftragskunst und Antragslyrik wird mir die Luft  manchmal dünn, aber auch Frau Heinzmann vom Arbeitsamt  wird mich nicht eingliedern können, als modernes Subjekt bin  ich wie die meisten hier 

    moderat befreite Schönheit, 

    eine Phase, die sich zuspitzt.