Ausgabe: Ausgabe 2

  • Zwei Lines

    Zwei Lines auflegen, duschen gehen, spucken, stolpern,  ausrutschen, aus der Dusche kommen, das Mephedron ist vom  Wasserdampf unbrauchbar geworden. 

    Es wird Tag und der Morgen kracht auf mich ein, als ich die  Wohnung des Vaters des Sohnes verlasse, und ich suche  Vorwände, um mich zurück zu schleppen zu dem Sohn, der auch  drauf ist, und mich im Arm hält. Er scheint die Klingel nicht zu  hören oder will sie nicht hören, mein Finger ist Eisen auf Metall,  dann gebe ich auf und fahre los. Mir brummt der Kopf, die Finger  zittern, die Nase läuft, im Mund zu nass, die Haut viel zu eng für  all die Substanz in einem drin. Die ganze Nacht durchgeredet,  jetzt schweige ich 18 Stunden und bitte meine Therapeutin um  einen Termin. Sie hat einen, ich gehe hin und sie sagt mir, dass ich  süchtig bin nach Kokain, MDMA, Ketamin, Mephedron, Alkohol  und Shrooms. Ich habe meine Therapeutin kennengelernt, weil  mir die Sucht meines Vaters das Leben schwer gemacht hat. Ich  habe auf anderes gehofft. Mir dreht es den Magen um und ich  fange an, ein bisschen zu lügen, und die Scham darüber, dass ich  lüge, ist fast so schlimm wie die Scham darüber, wieviel und wie  oft ich konsumiere, oder die Scham darüber, dass sich der  Schatten meines Vaters jetzt nicht nur an meine Fersen geheftet  hat, sondern dass mir mein eigener gewachsen ist, und dass ich  ihn nicht erkannt habe, weil er natürlich 

    natürlich! 

    ganz anders aussieht. 

    Und als ich es meinen Freunden erzähle, gebe ich meinen Ärger  über meine Abhängigkeit nicht zu, sondern mache Witze, ich  klappe meine Knie zusammen und sinke jammrig beim  Übertreiben in die Hocke, als wäre meine Therapeutin schuld an  der ganzen Misere, und meine Freunde lachen, aber ich denke,  dass sie sich an den Kopf fassen und meine Naivität verurteilen,  und dass in ihren Augen steht: 

    NATÜRLICH!

    WIR HABEN ES DIR DOCH GESAGT. 

    Weil sie es mir gesagt haben, weil sie verzweifelt und enttäuscht  waren, weil sie meinen Puls fühlen mussten, weil sie mich an den  Schultern nehmen und schütteln mussten, weil sie immer das  Telefon abgehoben haben und ich hier nun stehe mit  zusammengesacktem Unterkörper im Mittelpunkt des  Geschehens mit den Grinsern und Lachern auf meiner Seite und  einer unterhaltsamen Story im Gepäck, könnte ich mir selbst vor  Scham  

    glatt 

    eine legen.

  • fette kühe

    das fett schwimmt  
    auf dem kakao 
    eigentlich mochte ich  
    den trost gerne flüssig
    aber vier fiese fettaugen  
    starren mich an  

    fette kuh sagen sie und 
    auf die kundenkontrollwaage
    legt eine mädchenhand 
    eine halbe avocado 

    fette kuh sagen sie und 
    meine zunge taucht weich 
    ins sämige braun  
    ein wenig süße für mich  

    fette kühe tasten lanugoflaum 
    für die wärme unter der haut 
    wächst der zweifel 
    heute  
    über mich?

  • Vulven wie Fliegen

    Schopenhauer liegt auf dem fensterbrett
    ich habe die fliege mit ihm erschlagen 

    der eiweißbrei klebt 
    zur hälfte an der ästhetik 
    zur hälfte an der scheibe 

    jetzt schreibe ich nackt ein gedicht
    damit ich mich nicht aus versehen
    am fenster zur welt erschlage 
    so kurzsichtig 
    ich manchmal gern wäre 

    ich sitze nackt auf dem sessel 
    mein leib versinkt im stoff 
    ich habe angst 
    so zu sitzen 
    noch von früher 
    und von der ästhetik 

    keine sprache über vulven 
    ich kann nichts darüber sagen 
    außer  

    vulven wie fliegen 
    eine last im zuhause des körpers
    genauso wie Schopenhauer 
    in unseren zellen 

    obwohl ich kostbar bin 
    sitze ich das erste mal so

    Etwas in mir platzt auf 
    Licht prallt auf die Scheibe
    schopenhauer wäre verstimmt
    Ich lasse den eiweißbrei kleben

  • Leerstelle

    Sie taumelt mehr, als dass sie geht. Die Kniescheiben knacken,  könnten jederzeit unter ihr wegbrechen. Als die Kneipentür  hinter ihr zuschlägt, drängt der kalte Windstoß sie ins Licht. Tess  hält den Atem an, stolpert hinein in den scharfen Geruch von Bier  und Schweiß. Sie spürt die Blicke, natürlich tut sie das, sie sind ihr  so vertraut wie ihre eigenen Hände oder das Gefühl der BH 

    Träger, die sich in ihre Schultern graben. Die Blicke in ihrem  Dekolleté, auf ihren Haaren, ihren Nägeln, ihren Ohrläppchen,  ihren Füßen. Sie schieben sich unter ihren Hosenbund,  phantasieren, begehren, verletzen. Sie versuchen nicht einmal  unauffällig zu sein. Früher gab es Momente, da hat sie sich in diese  Blicke hineingelehnt wie in eine Umarmung. Dann gab es Phasen,  in denen sie davon genervt war, sie mit einem Augenrollen  kommentiert hat. Aber heute. Heute will sie unsichtbar sein, so  unbedingt, und jeder Blick auf ihrer Haut ist ein Widerhaken, der  sich ins verletzte Fleisch schlägt.  

    Tess setzt sich auf den Barhocker, legt die Ellenbogen auf den  Tresen, wartet.  

    Als der Barkeeper fragt: „Dasselbe wie immer?“, sagt Tess:  „Nein, heute mit Schuss, bitte.“  

    Er zieht eine Augenbraue nach oben, nickt aber. Vielleicht denkt  er, sie hätte ein Alkoholproblem. Denn normalerweise, wenn sie  mit ihren Freundinnen hier ist, trinkt sie einen Virgin Mule im Kupferbecher, Limettensaft, Ingwersirup und frische  Gurkenscheiben, etwas, das sie sich gönnt am Samstagabend  nach einer fünfzig-Stunden-Woche.  

    Tess sieht sich um, versucht genauso schamlos zu sein wie die  Männer mit ihren dunklen, schweren Blicken. Wie gerne sie sich  die Haut abkratzen würde, jede Schicht, bis die Knochen  freiliegen und die Männer erkennen, dass sie auch ein Mensch ist.  

    Noch immer spürt sie die Kälte zwischen ihren Beinen und die  Leere. Eine Leerstelle, die mit jedem Gedanken daran  weiterwächst, sie von innen heraus umschlingt. Ihr eigener  Körper ist Tess auf eine Art und Weise bewusst, die schmerzhaft  ist, kaum aushaltbar. Der Puls an ihrem Hals, die kalten  Fingerspitzen, die Schmerzen im Unterleib, von denen Tess  immer noch nicht weiß, ob sie Einbildung, Phantom, Realität sind.  

    Tess will ihre Schwester anrufen oder ihre Mutter, will eine  beruhigende, vertraute Frauenstimme hören, aber gefiltert von  Mitleid und Schock. Sie will ihren Freundinnen erklären, was  passiert ist, aber sie weiß, sobald die Frauen durch die Tür treten,  wird sie keine Worte für das haben, was ihr geschehen ist. Sie will  auf den Tresen steigen, sich die Klamotten wegreißen, ihren  Unterleib freilegen, die Blicke der Männer auf ihrem Uterus  spüren, schreien: Schaut mich doch an. Schaut, was dieser  Körper, den ihr so unbedingt flachlegen wollt, aushalten muss.  Und immer die Frage, wie sie überhaupt noch stehen kann, warum  ihr Körper das noch mitmacht.  

    Dass sie schweigen wird. Das ist das Schlimmste. Dass ihre  Arbeitskolleginnen, ihre Schwiegereltern, sogar ihre Freundinnen  und ihre Schwester nicht wissen werden, was sie verloren hat.  

    Der Barkeeper schiebt den Kupferbecher über den Tresen,  lächelt. Ein bisschen mitleidig, vielleicht sogar besorgt. Er ist jung  und nett und er arbeitet jedes Wochenende. Tess hat den  Eindruck, sie würden sich kennen, dabei sprechen sie nie mehr  als ein paar Worte miteinander. Aber sie nicken sich zu, wenn  Tess kommt und geht, immerhin.  

    „Vor vier Tagen war ich noch schwanger“, hört Tess sich sagen.  Der junge Mann hält inne. 

    Sie wiederholt den Satz, für den Fall, dass er sie nicht  verstanden hat. Obwohl Tess in seinem Blick erkennt, dass ihre  Worte bei ihm angekommen sind. Vielleicht wollte sie es nur noch  einmal selbst hören.  

    „Du hast ein Kind bekommen?“, fragt er mit großen runden  unschuldigen Augen.  

    Tess greift nach ihrem Becher, steht auf. Das Stechen im  Unterleib setzt wieder ein. „Nein“, sagt sie, „habe ich nicht.“

  • Shame on me

    I. 

    Asche war 
    nicht da 
    schon lang verweht im Meer 
    verklungener Worte Eine Seebestattung ohne Tote 
    denn Scham 
    sie lebt 
    weiter 
    in unseren Herzen

    II. 

    Noch einmal 
    alles auf Anfang 
    wie dumm bist du? fragt die Stimme die ich fürchte. 
    Gedankenfernkreisen wie Geier 
    um  
    zu viel Gesagtes

    III. 

    Worte 
    Taten 
    ganze Schiffe 
    mit schwerem Bug voller 
    Unzulänglichkeiten Hörst du den Gesang der Sirenen?
    Kein Land in Sicht 
    nur Wellen 
    Sag mir 
    kannte Odysseus 
    die Scham?

  • Schamlos

    Sie kommt zur Tür hinein, trägt den burgunderroten Mantel, der  nur 150 statt 300 gekostet hat, gekauft im März. Ihre Mutter sagt,  der sähe nach Nutte aus. Findet sie nicht, denkt aber trotzdem  jedes Mal dran, wenn sie ihn von der Stange nimmt. Lederstiefel dazu traut sie sich nicht immer. Wenn sie sie doch anhat, sagt ihre  Mutter zur Freundin am Telefon: „Schamlos ist die, der ist alles  egal!“ 

    Die Leute im Café denken gar nichts. Nur der Unscheinbare, der  allein ein Buch liest, der schaut auf, mustert sie, findet sie elegant  und denkt an den eigenen Mantel, der sehr ähnlich aussieht. Bei  ihm war es der Mitbewohner, der ihn dafür ausgelacht hat. „Sieht  aus wie ne Bitch!“, meinte er. So traute er sich im ersten Monat  nicht, den Mantel zu tragen, wenn der Mitbewohner dabei war.  Erst als eine Freundin sagte, der stehe ihm aber gut, da ging es  wieder. Er überlegte dann, ob er den Mitbewohner mal drauf ansprechen sollte, dass ins Waschbecken pinkeln eklig ist, auch  wenn man betrunken ist. „Hat der keine Scham?“, dachte er, als  er es nach dem Feiern das erste Mal beobachtete. Aber er sagte  nichts, weil er sich schämte, einem anderen beim Pinkeln  zugeschaut zu haben. 

    Sein Vater, der hätte sich nicht geschämt. Der hätte den  Mitbewohner wahrscheinlich grün und blau geschlagen, bis er vor  Angst pinkelte. Irgendwohin. Ob sich der Vater schämte,  nachdem er schlug? Ob er vor sich eingestand, dass es unrecht  ist, zu schlagen? Sicher tat er das, doch nur er kannte die leisen  Tränen, die ins Kopfkissen sickerten, wohl in der gleichen  Frequenz wie die des Sohnes. Der schämte sich viele Jahre später,  dass er sich den Kommentar des Mitbewohners so zu Herzen  genommen hatte. 

    So trug er doch Jahre später nur noch solche Mäntel, in  Burgunder, Ocker, Aschfarben und Purpur. Es kümmerte ihn  nicht mehr, was die Andern kommentierten oder dachten. Und  doch schämte er sich. Er schämte sich bis an den letzten Mantel,  schämte sich nicht mehr wegen des Kommentars, sondern  schämte sich des Schämens wegen. Wer schämt sich schon so  lang? 

    Der Mitbewohner ermüdete bei seiner Scham genauso wenig. Doch ging es nicht um den längst vergessenen Kommentar, viel  mehr schämte er sich seit seinem 18. Geburtstag. Er ging damals,  einsam und betrunken, in eine der Bars, die er bis dahin nur von außen kannte. Er lernte seinen Ersten kennen und liebte ihn auf  der Toilette ins Glück. Der andere kam und ging, doch er sackte  auf dem Boden zusammen, spürte noch immer das Brennen des  Spermas. 

    Nun wendete er den Blick ab, wenn er an der Bar vorbeiging. Er  befürchtete, er würde erkannt. Die Scham! Er achtete dann also  akribisch darauf, sich seinen Besuch nicht anmerken zu lassen,  verbannte die Farben aus dem Kleiderschrank. Die Accessoires  und auch der in Wahrheit schöne Mantel seines Mitbewohners  waren eine Bedrohung. 20 Jahre später schämte er sich für diese  Zeit. Wie er sich eingeschränkt hatte. Wie unsicher er gewesen  war. Wenn sein Partner einen Abend nicht im Haus war, trauerte  er der an die Scham verlorenen Zeit hinterher. Sogar Neid kam  auf, sein Partner hatte sich so viel früher gelöst, war so viel freier  gewesen. 

    Der Partner schämte sich unterdessen, weil er wieder einmal  vergessen hatte, am Morgen die Katze zu füttern. War es denn so  schwer? Alles, was nicht im Kalender stand, vergaß er. Lag das am  Alter? Sein Vater hatte ja auch Probleme damit gehabt. Hat sich  dafür geschämt, wollte nicht als Alter abgestempelt werden, war  doch noch zu allem fähig. Aber er vergaß immer mehr und mehr,  wusste nicht mehr, wie er nach Hause kam, wusste nicht mehr,  wer der Sohn war, kannte sich im eigenen Haus nicht mehr aus.  Erzählte es erst nicht, weil er nicht zeigen wollte, wie viel Angst  er hatte, wie sehr es an ihm nagte. Bis der Sohn es dann erkannte,  ihm die Hilfe aufzwingen musste, wochenlang auf ihn einredete,  und sich insgeheim schämte. Der Vater wollte es nicht, das war  das eine, wozu es nie kommen sollte. Wehrte sich, musste dann  doch zugeben, dass er die Pflegerin brauchte. Eine tolle Frau, die  drei Mal in der Woche kam und ihm half, bis es nicht mehr ging. 

    Sie schämte sich für ihren Job. Die Eltern beide studiert, und  sie? Eine Pflegerin, ungelernt, 1700 netto wenn alle Stunden  kamen. Kein schlimmer Beruf, nein, aber so wenig Geld. Hätte sie  das Studium nur geschafft. Als Trost gab es immerhin den Mantel,  nur 150 statt 300, weil sie ihn im März kaufte.

  • Wortbefreit

    ich stehe vor dem Badezimmerspiegel mein Körper steht in Flammen 
    also tauche ich ihn in Wasser 
    so heiß, dass meine Haut schreit. 
    gut so.  
    ich spüre seine Berührungen, wie gebrandmarkt als wären sie für jeden sichtbar 
    und so greife ich nach dem Waschpulver und schrubbe. zwischen meinen Beinen. bis es rot ist und beinahe blutet. 
    aber es ist, als wäre er immer noch da.  über mir, auf mir, neben mir, in mir. 
    ich habe keine Worte dafür. 
    aber ich kratze und wische 
    als wäre unter der Schicht aus Schande  irgendwo meine Unschuld begraben.  
    dabei liegt sie noch in seinem Bett. 

    Rot läuft meine Beine hinab. 
    Innen. 
    und Außen. 
    meine Periode bin ich gewohnt. 
    den zischenden Schmerz an meiner Haut auch. Ihn kenne ich schon länger als sie. 
    ich will tiefer treffen. 
    ich will schneiden, bis das Rot alles färbt. meinen Körper unwiderruflich verlässt. und nicht mehr atmen muss. 
    am nächsten Tag werde ich es bereuen. mich dafür hassen, keine andere Lösung zu haben. aber die Richtige wurde wohl patentiert. 

    ich stehe auf der Waage 

    Schockstarre 
    bevor die Reue einsetzt 
    meine Wangen rot vor Wut und Scham 
    das eine Brötchen war zu viel, ich hätte es doch wieder loswerden  sollen, warum habe ich zwei Stücke Pizza gegessen, warum war  Milch im Kaffee, ich hätte, sollte, könnte. 
    Zu Viel. Zu Viel. Zu Viel.  
    jede Nummer über Null bedeutet Versagen, aber das weiß ich noch nicht. 
    ich spüre nur die brennende Scham  
    während meine Hand hart auf meinen Körper trifft 

    wir stehen vor der Leinwand 
    schreiben Namen auf  
    und schreien „Schande!“ 
    denn sie soll die Seiten wechseln, 
    aber dennoch  
    wächst sie erneut in mir, klebt an mir, krabbelt und kriecht,  schlängelt sich um mich, bis ich kaum noch atmen kann voller Bedauern über das Geschehene, als würde ich jene männer  verraten  
    vielleicht war es ja gar nicht so schlimm, vielleicht rede ich es mir  falsch ein? 

    geteilte Scham 
    ist wohl doppelte Scham. 

  • „This is a happy home“

    Die Tür klemmt. Immer. Du musst sie mit der Schulter  aufstoßen, und wenn du reinkommst, ist es, als würdest du in  einen anderen Aggregatzustand eintauchen. Die Luft ist schwer  – gemischt aus süßem Rauch, Schweiß, billigen Lichtern und all  den Dingen, über die man nicht spricht. 

    Im Flur flackert das Licht wie ein nervöser Puls. Jemand hat  versucht, die Glühbirne zu wechseln, aber dann kam irgendwas  dazwischen – wie immer. 

    Sie sitzen überall – auf dem Boden, auf der Anrichte,  aufeinander. Gläser klirren, aber niemand hebt sie mehr an. Irgendwo läuft ein Song, der vor fünf Jahren mal bedeutungsvoll  war und jetzt nur noch Erinnerung ist. 

    Ein Mädchen – zu schön, um nüchtern zu sein – lehnt an der  Wand und zeichnet mit dem Finger Kreise auf ihrem  Oberschenkel.

    Ein Kerl daneben redet seit zehn Minuten über die Zeit, in der er  fast berühmt war. Niemand hört zu. 

    Und dann sagt einer, halb erstickt von Rauch: 

    „This is a happy home“ 

    Alle lachen. 

    Und du lachst mit. 

    Manch einer nennt es ein Zuhause, weil man öfter  zurückkommt, als man will. 

    Nicht weil es ein Ort der Liebe ist, aber man gelernt hat, dass es  schlimmer sein kann, allein zu sein. 

    Und weil dieses Haus, trotz allem, ein Ort ist, an dem niemand  fragt: „Wie geht’s dir wirklich?“ 

    Es ist der perfekte Ort für gebrochene Menschen mit perfektem  Timing. 

    Sie kommen nachts. 

    Immer nachts. 

    Wenn die Welt draußen zu laut wird und die Stille drinnen zu  ehrlich. 

    Hier zählt nicht, was du fühlst – 

    sondern wie gut du es verstecken kannst. 

    Hier sind die Kissen fleckig von Tränen, die keiner zugegeben  hat. 

    Hier riecht es nach vergangener Nähe und vergänglichem Trost. Hier lebt ein Lachen, das nie bis in die Augen reicht. Du liegst auf einem fremden Bett in einem Zimmer ohne Uhren. Die Decke ist zu niedrig für Träume. 

    Jemand neben dir erzählt von seiner Mutter, die nie gesagt hat,  dass sie ihn liebt. 

    Er tut so, als sei es ein Witz, aber du hörst, wie sein Herz  zwischen den Silben bricht. 

    Du drehst dich nicht zu ihm um. 

    Nicht aus Kälte. 

    Sondern weil du weißt, dass Berührung manchmal schlimmer  ist. 

    Weil sie erinnert. 

    Und dann kommt dieser Satz wieder.

    Immer wieder. 

    Wie ein Refrain, den keiner geschrieben hat, aber alle singen: „This is a happy home“ 

    Es ist fast ein Mantra. 

    Fast ein Gebet. 

    Fast eine Lüge, die irgendwann nach Wahrheit klingt, wenn man  sie oft genug sagt. 

    Am nächsten Morgen riecht das Haus nach altem Rauch und  neuen Entscheidungen, die nie getroffen werden. Die Sonnenstrahlen durch die Jalousien sind blass – Licht, das  nicht mehr retten will. 

    Du siehst sie gehen. Einen nach dem anderen. 

    Mit Kopfhörern, Sonnenbrillen, Kaugummi – 

    mit diesen kleinen Rüstungen gegen das, was da draußen wieder  wie Leben aussieht. 

    Und für einen Moment bist du allein. 

    Ganz. 

    Ehrlich. 

    Still. 

    Du könntest jetzt aufstehen. 

    Du könntest duschen. 

    Du könntest gehen. 

    Aber stattdessen bleibst du sitzen. 

    In einem Raum, der dich nicht hält, aber kennt. 

    Und flüsterst es selbst. 

    Nicht für jemanden. Nur für dich, weil du dir kein echtes  Zuhause vorstellen kannst: 

    „This is a happy home“

  • Velleität

    Bei allen Chancen passen, ziehen lassen, 
    In Wollust nie mehr wiedersehen. 
    Niemals halten, immer fassen, 
    Später dann nach Hause gehen.

    Herz steht still im Puls der Zeit. 
    Worte befangen, ersticktes Verlangen 
    Verhallen, ehe als Laut sie erklangen. 
    Ein Stelldichein, verhangen von Neid. 

    Ein Gedanke zerspringt, er sinkt 
    Als Scherbenhaufen am Boden zusammen. 
    Im Schein der staubigen Lichter blinkt 
    Hoffnung, die im Zersplittern zerrann. 

    Abend ohne Morgen. Gebärden, nie geworden, 
    Knacken und krachen auf gläsernem Grund, 
    Versterben, verbluten. Allmählich verstummt 
    Der Traum vom Leben, das niemand erworben.

  • Nicht mehr auf den Boden schauen

    Selbst schuld, sagt der Mann, in den ich verliebt bin, ich habe mich  noch nie für irgendwas geschämt, liegt er da, ausgestreckt, seinen  Kopf auf seine Handfläche gestützt, müde lächelnd, bis eben noch  so schön. Bis eben wollten meine Finger noch auf seinen  Augenbrauen spazieren gehen, selbst schuld, ich war Scham  gewesen, in allem, was mich ausmacht. Meine Scham wog lange  Zeit mehr als meine Zuneigung, denke ich. 

    In meinem Magen lag ein Stein und im Haus an der Kreuzung  zeigten 160 Fenster zur Straße – das war vor zwanzig Jahren.  Jeden Morgen stand die gleiche Frau neben mir an der  Bushaltestelle. Unter ihren Augenbrauen klebte Wimperntusche  und sie schaute geradeaus. Ich zählte ihre Wimpern, das Hecheln  von Hunden, das Rauschen der Autos. Zwischen den Steinplatten  am Boden wuchsen Grashalme, meist war mir kalt. 

    Meine Hosenbeine schlackerten um meine Knöchel, die Hose  zu kurz und die Schuhe zu klein – das war vor zwanzig Jahren. Ich  habe nie gelernt mir die Schuhe zuzubinden, immer gehen meine  Schnürsenkel auf – das war vor zwanzig Jahren – das ist heute. 

    An der Haltestelle wurde ich ausgelacht, wegen meiner Mütze,  seitdem trug ich sie im Rucksack. Jeden Morgen lief ein Mann  schräg an der Haltestelle vorbei. Zügig, geradlinig, mal ein  Klemmbrett in der Hand, mal einen Becher, mal war seine Hose  grau, mal war sie schwarz, immer mit dem roten Fähnchen, ein  Strauß auf dem Weg in seinen Transporter. 

    Elektro Decker. 

    Das klang schön und der Bus kam immer zu spät. Die Haut  neben meinen Daumennägeln hatte ich aufgekratzt, so oft und so  tief, morgens waren meine Finger voller Blut und mittags voller  Tinte – das war vor zwanzig Jahren. Der dünne Stoff in meinen  Jackentaschen war aufgerissen, Kastanien, Gummibänder,  Taschentücher, alles war in den Saum meiner Jacke gerutscht.  Wenn ich heute in meine Jackentaschen greife und  Polyesterfäden spüre, ich bis zum Saum meiner Jacke greifen kann, dann erinnere ich mich genau. Ich habe mich noch nie für  nichts geschämt. 

    Damals stellte ich mir vor, wie der Elektro Decker Wagen um  die Ecke käme und vor mir anhielte und statt dem Mann am  Morgen, wünschte ich meinen Vater ans Steuer, ganz normal, und  ich träumte, er würde winken und ich würde auf den Wagen  zugehen, einsteigen, ich würde keine Fenster zählen, Grashalme,  Wimpern, Atemzüge, ich würde nichts zählen und beim Laufen  geradeaus schauen, ich würde nicht auf den Boden schauen. 

    Zwanzig Jahre ist das her. Ich schämte mich an Esstischen, auf  Schulfluren, in Umkleidekabinen, an der Bushaltestelle, beim  Duschen. Ich schämte mich in meinem Bett, in Wartezimmern, an  Supermarktkassen, in meinen Träumen. Ich schämte mich für  meine Haare, zu viele, zu dicke, auf zu blasser Haut. Ich schämte  mich für meinen Namen. Ich schämte mich für die Sprache  meines Vaters und ich schäme mich, weil ich sie nicht verstehe,  selbst schuld. Ich schämte mich für meine Armut und dass ich sie  nicht verbergen konnte und manchmal schäme ich mich für  meine Scham, vor zwanzig Jahren und heute. 

    Mein Elektrodeckertraum, meine Normalität, meine Finger  wandern auf seinen Augenlidern. Mein Schöner, meine Ruhe und  Gelassenheit, meine Selbstliebe und Vertrauen, meine  Selbstverständlichkeit. Was ich nicht habe und was ich nicht bin,  das hat er und das ist er, meine Liebe. Mein Elektrodeckertraum,  selbstgefällig, arrogant, gewöhnlich. Liegt er da, sagt er das,  schamlos. Ich schäme mich, ganz neu, nicht für mich.