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mother tongue
geschrieben von Yannik StuhrDiese Wände drücken mir die Rippen ein. Ein Bruch hier, – nein, Verzeihung, eine Fraktur nennt man es wohl – eine Prellung dort. Blau staut es sich, ja, schwillt es unter meinem Herzen, vergeht in Buttergelb und Salbei. Niemand hier kennt meinen Namen, für sie ist er nicht von Belang. Mein verräterisches Gesicht lediglich eines unter zahllosen Studierenden. Hier bin ich nur sicher, wenn ich schweige, so viel weiß ich schon. Jedes meiner Worte stieße gegen Beton, splitterte an den Kanten, der Putz stäche in meine Zunge. Wochenlang würde ich den Sand schmecken, den Zement, das dreckige Wasser. Würde vergiftet…
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Parole
geschrieben von Ronny ThonAlles muss raus. Sommerschlussverkauf. Niemand soll rein. ICE ICE Baby, rufen sie in den Staaten. Hier rufen sie Ausländer raus. Originalität. Alles für alle, zumindest fast alle. Verboten sind Alle, die nicht so sind Wie alle. Sie rufen nach Quoten, Namensverzeichnissen. Ich rufe Angst, sie lachen darüber. Ich sage: ich schäme mich wegen euch. Sie sagen: Vernunft. Alle müssen raus. Sommerschlussverkauf.
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Frühling
geschrieben von Joka KleinEs hatte sich herumgesprochen, dass Theresa Schwanz gelutscht hatte. Viele Beschreibungen wurden für den Vorfall genutzt: Sie hatte jemandem einen geblasen oder ihn am Penis gesaugt; ab und zu hörte man, fast gehaucht, das Wort „Blowjob“ durch die Gänge wabern, nach einiger Zeit reichte allein ein zum Mund gestreckter Zeigefinger. Aber seit ein lauter Junge das Ganze „Schwanzlutschen“ genannt hatte, hatte sich der Ausdruck in Amelies Hirn festgesetzt und war dort unzählige Male hin und her gesprungen wie ein Basketball, bis er auf dem Boden ihres Kopfes zum Stillstand kam. Dann sprang er wieder auf, wenn sie im Unterricht oder…
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Leuchtfeuer der Gebrochenen
geschrieben von I. J. MelodiaDas Nachtgeschrei der Stadt verendet in der Gosse Im ersten Licht bleibt es liegen neben dem Unrat und unserem sterbenden Lachen Im Mundwinkel klebt etwas Blut eine Verletzung ist nicht zu sehen und ich denke an billige Kunst auf den Straßen surreal verpackt als Realitätsersatz aus Plastik für Feiglinge wie uns Wir sitzen auf der Bordsteinkante meine Schulter ist dein Kissen in das du deine Wünsche schmiegst Die letzte Zigarette wird geteilt übrig bleibt der Filter er saugt das letzte bisschen Glück auf Ich schnipse sie weg treffe die tote Ratte an der Ablaufrinne
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Samt
geschrieben von Marie FoulisDas Wispern der Sträucher ist hier draußen bis an meinen Bewusstseinsrand zurückgedrängt. Meine Brust hebt und senkt sich im Takt der Planken, über denen der Samt spannt. Im gebrochenen Abendlicht seltsam verflacht durchgleitet eine Reihe Schatten das Wasser unter meinen Füßen. Rochen, meine ich, handtellergroß, eine Familie, vielleicht, geräuschlos vereint. Hier draußen höre ich nur noch die Elemente. Nur die Sonne. Nur das Meer. Allein in meinem Rücken, dort, wo sich der Steg bis hin zum Sandstrand kräuselt, dort, hinter den Dünen, ist es noch immer furchtbar laut. Den Pavillon erkenne ich auch im Gegenlicht. Er ist so verlassen wie…
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Die App
geschrieben von Michael Pietrucha„Willst du vorbeikommen?“, schreibe ich am Abend, und er tippt nur zurück „Klar“ Er brauche nur etwas Zeit Und bald schon wieder verstecken sich seine Rehäuglein, sehen mich kaum an, er beißt in ein Kissen und sein Näschen saugt den Geruch von Poppers auf unter Stoß und Erschütterung, Stoß und Erschütterung Und wieder plötzlich dann läuft er wortlos davon und verschwindet in der Nacht
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Mit einem Magneten am Kühlschrank zwischen Mahnungen und Arztterminen der letzten Jahre befestigt
geschrieben von Arden K. GrothennLiebe (Zukunfts-/Gegenwarts-) Arden und (Vergangenheits-) Katharina, Dieser Brief und diese Gedankenliste sind für euch. Für euch, weil es schwer ist zu leben. Es gibt nichts Schwereres. Sich daran zu erinnern, dass Freiheit in Zukunft auch für euch erreichbar ist, grenzt an Unvorstellbarkeit. Ihr als veränderliche Wesen seid so unterschiedlich und dabei ertragt ihr euch gegenseitig nicht, ertragt euch nicht mal selbst. Wie wollt ihr jetzt in Zukunft leben? Ich habe einen Blick in euch gewagt und eine Sache aus der „Damit-wird-sich-nicht-beschäftigt“-Kiste gegriffen. Was ich herausgriff schnitt in meine Handflächen und machte aus Bauernhänden papierseidene. Es war die Scham, die ihre …
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quamquam
geschrieben von Fabian Thaler(I) obwohl wir keine briefe mehr schreiben hängen unsere hände in wörternebel der kopf er schreit: schreib!! und sie tippen bedeutsam auf tasten, basteln wörter und es klappert taste h taste a taste l taste l taste o taste doppelpunkt taste klammer zu taste enter und aus dem basteln wird ein unruhiges warten, denn die postfiliale in der hosentasche, strahlt wie ein pager und wenn der empfangsmensch mit den tasten gebastelt hat taste h taste e taste y taste doppelpunkt taste klammer zu taste enter dann vibriert die hose vor erregung und meint es gar hot and spicy mit uns (II) obwohl nun vieles dafür spricht zurückzubasteln lässt die vibration in der rechten …
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dem mutualismus den wir uns verzapfen
geschrieben von blumenleeresuendenfallen genitalaufnahmen nach wie vor blosze entbloeszte surrogatmanoever um kitschig abzulenken von wahrhaftigen schamlosigkeiten zum beispiel obszoenen reichtum gegen deutlich armutssenkende umverteilung mit saemtlichen brachialen methoden skrupellos krass zu verteidigen & sich zugleich in sekt & kaviar zu suhlen wo gold schon laengst nicht mehr glaenzt sondern besudelnd gipfel voll perversion zu menschlichem unrat antialchemistisch zurueckverwandelt graesslich widerliche aufgeblasene fratzen zusehends entstellt welche uns dennoch via vereinnahmende codierungen zu sueszen idealen stilisiert aufdiktieren was schoenheit als groesze erfolg & erstrebenswertes zu sein haette o & wuerden wir wirklich dran glauben muessten wir suizide auf raten skalpelle zur umformung unserer natuerlicheren gestalten…
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Charmelos
geschrieben von Benjamin AmmerBei Netto stehe ich mit meinem Pfandzettel, einem Buttercroissant und einer Dose Pils am Kassenband. Ich frage mich, welche kranke Sau eigentlich auf die Idee gekommen ist, Süßigkeiten und kleine Flaschen Hochprozentiges an der Kasse zu präsentieren. Wo die Leute warten. Weil das Einkaufen mit einem aufgeregten Kind an der Hand für die meisten Eltern sonst ja ganz entspannt ist. Gerti von gegenüber kauft die kleinen Schnapsflaschen nicht mehr. Sie hat eine Zeit lang versucht, vom Alkohol loszukommen, da hat sie es jedes Mal durch die Spirituosenabteilung geschafft, um dann doch an der Kasse die kleinen Fläschchen zu kaufen. „Geht…