TEXTE

  • mother tongue

    geschrieben von

    Diese Wände drücken mir die Rippen ein.  Ein Bruch hier, – nein, Verzeihung, eine Fraktur nennt man es  wohl – eine Prellung dort. Blau staut es sich, ja, schwillt es unter  meinem Herzen, vergeht in Buttergelb und Salbei. Niemand hier  kennt meinen Namen, für sie ist er nicht von Belang. Mein  verräterisches Gesicht lediglich eines unter zahllosen  Studierenden.   Hier bin ich nur sicher, wenn ich schweige, so viel weiß ich  schon. Jedes meiner Worte stieße gegen Beton, splitterte an den  Kanten, der Putz stäche in meine Zunge. Wochenlang würde ich  den Sand schmecken, den Zement, das dreckige Wasser. Würde  vergiftet…


  • Parole

    geschrieben von

    Alles muss raus.  Sommerschlussverkauf.  Niemand soll rein.  ICE ICE Baby, rufen sie in den Staaten.  Hier rufen sie Ausländer raus.  Originalität.  Alles für alle, zumindest fast alle.  Verboten sind Alle, die nicht so sind   Wie alle.  Sie rufen nach Quoten, Namensverzeichnissen.  Ich rufe Angst, sie lachen darüber.  Ich sage: ich schäme mich wegen euch.  Sie sagen: Vernunft.  Alle müssen raus.  Sommerschlussverkauf. 


  • Frühling

    geschrieben von

    Es hatte sich herumgesprochen, dass Theresa Schwanz gelutscht  hatte. Viele Beschreibungen wurden für den Vorfall genutzt: Sie  hatte jemandem einen geblasen oder ihn am Penis gesaugt; ab und  zu hörte man, fast gehaucht, das Wort „Blowjob“ durch die Gänge  wabern, nach einiger Zeit reichte allein ein zum Mund gestreckter  Zeigefinger. Aber seit ein lauter Junge das Ganze  „Schwanzlutschen“ genannt hatte, hatte sich der Ausdruck in  Amelies Hirn festgesetzt und war dort unzählige Male hin und her  gesprungen wie ein Basketball, bis er auf dem Boden ihres Kopfes  zum Stillstand kam.  Dann sprang er wieder auf, wenn sie im Unterricht oder…


  • Leuchtfeuer der Gebrochenen

    geschrieben von

    Das Nachtgeschrei der Stadt verendet in der Gosse  Im ersten Licht bleibt es liegen neben dem Unrat und unserem sterbenden Lachen  Im Mundwinkel klebt etwas Blut eine Verletzung ist nicht zu sehen und ich denke an billige Kunst auf den Straßen surreal verpackt als Realitätsersatz aus Plastik für Feiglinge wie uns  Wir sitzen auf der Bordsteinkante meine Schulter ist dein Kissen in das du deine Wünsche schmiegst Die letzte Zigarette wird geteilt übrig bleibt der Filter er saugt das letzte bisschen Glück auf  Ich schnipse sie weg treffe die tote Ratte an der Ablaufrinne


  • Samt

    geschrieben von

    Das Wispern der Sträucher ist hier draußen bis an meinen  Bewusstseinsrand zurückgedrängt. Meine Brust hebt und senkt  sich im Takt der Planken, über denen der Samt spannt. Im  gebrochenen Abendlicht seltsam verflacht durchgleitet eine  Reihe Schatten das Wasser unter meinen Füßen. Rochen, meine  ich, handtellergroß, eine Familie, vielleicht, geräuschlos vereint.  Hier draußen höre ich nur noch die Elemente. Nur die Sonne. Nur  das Meer. Allein in meinem Rücken, dort, wo sich der Steg bis hin  zum Sandstrand kräuselt, dort, hinter den Dünen, ist es noch  immer furchtbar laut.  Den Pavillon erkenne ich auch im Gegenlicht. Er ist so verlassen  wie…


  • Die App

    „Willst du vorbeikommen?“, schreibe ich am Abend, und er tippt nur zurück „Klar“ Er brauche nur etwas Zeit  Und bald schon wieder verstecken sich seine Rehäuglein, sehen mich kaum an, er beißt in ein Kissen und sein Näschen saugt den Geruch von Poppers auf unter Stoß und Erschütterung, Stoß und Erschütterung  Und wieder plötzlich dann läuft er wortlos davon und verschwindet in der Nacht


  • Mit einem Magneten am Kühlschrank zwischen  Mahnungen und Arztterminen der letzten Jahre befestigt 

    Liebe (Zukunfts-/Gegenwarts-) Arden und (Vergangenheits-)  Katharina,  Dieser Brief und diese Gedankenliste sind für euch. Für euch,  weil es schwer ist zu leben. Es gibt nichts Schwereres. Sich daran  zu erinnern, dass Freiheit in Zukunft auch für euch erreichbar ist,  grenzt an Unvorstellbarkeit. Ihr als veränderliche Wesen seid so  unterschiedlich und dabei ertragt ihr euch gegenseitig nicht,  ertragt euch nicht mal selbst. Wie wollt ihr jetzt in Zukunft leben?  Ich habe einen Blick in euch gewagt und eine Sache aus der  „Damit-wird-sich-nicht-beschäftigt“-Kiste gegriffen. Was ich  herausgriff schnitt in meine Handflächen und machte aus  Bauernhänden papierseidene. Es war die Scham, die ihre …


  • quamquam

    geschrieben von

    (I)  obwohl wir keine briefe mehr schreiben  hängen unsere hände in wörternebel  der kopf er schreit: schreib!! und sie  tippen  bedeutsam auf tasten, basteln wörter  und es   klappert  taste h taste a taste l taste l taste o taste doppelpunkt taste klammer zu taste enter  und aus dem basteln wird ein  unruhiges warten, denn  die postfiliale in der hosentasche,  strahlt wie ein pager  und wenn der empfangsmensch mit  den tasten gebastelt   hat  taste h taste e taste y taste doppelpunkt taste klammer zu taste enter  dann vibriert die hose vor erregung  und meint es gar   hot and spicy mit uns   (II)  obwohl nun vieles dafür spricht  zurückzubasteln  lässt die vibration in der rechten …


  • dem mutualismus den wir uns verzapfen

    geschrieben von

    suendenfallen genitalaufnahmen nach wie vor blosze entbloeszte surrogatmanoever  um kitschig abzulenken von wahrhaftigen schamlosigkeiten zum beispiel obszoenen reichtum gegen deutlich armutssenkende umverteilung mit saemtlichen brachialen methoden skrupellos krass zu verteidigen & sich zugleich in sekt & kaviar zu suhlen wo gold schon laengst nicht mehr glaenzt sondern besudelnd gipfel voll perversion  zu menschlichem unrat antialchemistisch zurueckverwandelt graesslich widerliche aufgeblasene fratzen zusehends entstellt  welche uns dennoch via vereinnahmende codierungen zu sueszen idealen stilisiert aufdiktieren was schoenheit als groesze erfolg & erstrebenswertes zu sein haette o & wuerden wir wirklich dran glauben muessten wir suizide auf raten skalpelle zur umformung unserer natuerlicheren gestalten…


  • Charmelos

    geschrieben von

    Bei Netto stehe ich mit meinem Pfandzettel, einem  Buttercroissant und einer Dose Pils am Kassenband. Ich frage  mich, welche kranke Sau eigentlich auf die Idee gekommen ist,  Süßigkeiten und kleine Flaschen Hochprozentiges an der Kasse  zu präsentieren. Wo die Leute warten. Weil das Einkaufen mit  einem aufgeregten Kind an der Hand für die meisten Eltern sonst  ja ganz entspannt ist.  Gerti von gegenüber kauft die kleinen Schnapsflaschen nicht  mehr. Sie hat eine Zeit lang versucht, vom Alkohol loszukommen,  da hat sie es jedes Mal durch die Spirituosenabteilung geschafft,  um dann doch an der Kasse die kleinen Fläschchen zu kaufen.  „Geht…