Autor:in: Benjamin Ammer

  • Charmelos

    Bei Netto stehe ich mit meinem Pfandzettel, einem  Buttercroissant und einer Dose Pils am Kassenband. Ich frage  mich, welche kranke Sau eigentlich auf die Idee gekommen ist,  Süßigkeiten und kleine Flaschen Hochprozentiges an der Kasse  zu präsentieren. Wo die Leute warten. Weil das Einkaufen mit  einem aufgeregten Kind an der Hand für die meisten Eltern sonst  ja ganz entspannt ist. 

    Gerti von gegenüber kauft die kleinen Schnapsflaschen nicht  mehr. Sie hat eine Zeit lang versucht, vom Alkohol loszukommen,  da hat sie es jedes Mal durch die Spirituosenabteilung geschafft,  um dann doch an der Kasse die kleinen Fläschchen zu kaufen.  „Geht zu doll ins Geld“, hat Gerti gesagt, als ich mal fragend  geguckt hab. Sie kauft jetzt wieder die großen Schnapsflaschen.  (Ich glaube nicht, dass das Geld das Problem war. Von den kleinen  kann man auch immer heimlich eine einstecken, wenn man zwei  kauft. Ich glaube, Gerti hat sich einfach geschämt, dass sie an  dieser Kassenauslage nicht vorbeigekommen ist, ohne  zuzugreifen.) „Schämen sollte sich, wer sich sowas einfallen lässt“,  denke ich. Ich gehe allerdings eher davon aus, dass die Person  eine Beförderung für ihre exzellente Verkaufsstrategie  bekommen hat.  

    In solchen Momenten denke ich oft an Luisa. Wir verbrachten  einen Sommer verliebt in der Stadt, machten Picknicks am See  und stahlen Obst. Wir steckten es uns direkt im Supermarkt in die  Münder und grinsten, als uns Traubensaft aus den Mundwinkeln  rann. Luisas Eltern wünschten sich für sie eine solide Karriere.  Anwältin, oder besser, Notarin sollte sie werden. Ich lernte sie auf  einer Studi-WG-Party kennen, als sie bereits Jura im dritten  Semester studierte. Sie erzählte mir, wie sie sich häufiger auf der  Schultoilette einschloss und weinte, wenn ihre Klassenarbeiten  keine Bestnoten einbrachten. Was denn los gewesen sei, hätte  ihre Mutter oft gefragt, und ihr Vater hätte nahegelegt, das  Volleyball-Training sausen zu lassen, es sei ja gerade eine  prägende und wichtige Phase für ihre Laufbahn und da könne sie  sich nun wirklich keine Ablenkungen leisten. Einen Freund nach  Hause zu bringen, um ihre Eltern kennenzulernen, hatte sich  Luisa bis dato noch nicht getraut. 

    Ich hatte damals auch studiert. Soziologie, nach 5 Semestern  exmatrikuliert. Rückblickend war ich hauptsächlich da, um mit  den anderen Studis tagsüber Wein zu trinken und uns unsere  Ahrends, de Beauvoirs und Foucaults um die Ohren zu hauen.  Luisa und ich jedenfalls wurden kurz nach dieser Party ein Paar.  Ich fand das mit dem Rotwein eigentlich immer so künstlerisch 

    kultiviert und Luisa sah in mir dadurch wohl genau den leicht  erziehbaren Softie-Rebellen, der ihre Eltern genug stören würde,  um von ihren anderen Entscheidungen abzusehen. Luisa war  nämlich drauf und dran, das Studium abzubrechen. (Welchen  Weg sie denn sonst gehen wollte, interessierte mich nur am Rande. Das Thema Beruf und Karriere war ja auch zu bourgeois,  um sich ernsthaft lange damit zu beschäftigen.) 

    Als der Herbst kam, tat ich eigentlich nichts anderes mehr als  mich in Tagträumen zu bewegen, ich könne ein wichtiger  Intellektueller des Widerstandes werden, so wie Chomsky. Ich  verlor wohl ein wenig den Bezug zur Realität, denn als mir Lisa  schlussendlich den Laufpass gab, sagte ich nur, sie würde in 20  Jahren allen erzählen, dass sie einmal mit mir zusammen war und  die Gelegenheit versäumt hatte. An diesem Tag war ich ungefähr  einen Monat lang nicht mehr nüchtern gewesen.  

    Ich konnte Luisa eine Zeit lang vergessen, aber nach einer  längeren Nacht stieß ich kurz vor dem Einschlafen auf ein Video  von ihr. Es stellte sich heraus, dass das Video geklaut worden war.  Auf ihrer privaten Seite konnten Männer gegen Bezahlung intime  Fotos, Videos und sogar regelmäßige Nachrichten von ihr  erwerben.  

    Es fühlte sich wie eine zweite Chance an. Ich habe ihr nie  gesagt, wer sich hinter dem Benutzernamen Grapejuice69  verbirgt und ich weiß nicht, ob sie mich jemals im Verdacht hatte.  Mein Erspartes liegt jetzt auf ihrem PayPal-Konto. Steuerfrei. Seit  ich keine Wohnung und kein Telefon mehr habe, kriege ich nichts  mehr von ihr mit. Es ist beinahe so, wie einen Entzug zu machen.  Das Gefühl, immer alles falsch gemacht zu haben, der  resultierende Selbsthass und die Wut auf eine Welt, die einen erst  mit dieser ganzen Misere gestraft und dann alleine gelassen hat.  

    Das Brennen über meinem Zwerchfell wird stärker und auch  das halbe Pils in einem Zug wegzutrinken hilft nichts. Ich  schleiche rüber zu Gerti und frage sie nach einem Schluck von  ihrem Korn. Sie blickt mich an und reicht mir wortlos die Flasche,  denn wir beide wissen: Manchmal hilft gegen das Brennen nur  noch etwas Brennendes.