Bei Netto stehe ich mit meinem Pfandzettel, einem Buttercroissant und einer Dose Pils am Kassenband. Ich frage mich, welche kranke Sau eigentlich auf die Idee gekommen ist, Süßigkeiten und kleine Flaschen Hochprozentiges an der Kasse zu präsentieren. Wo die Leute warten. Weil das Einkaufen mit einem aufgeregten Kind an der Hand für die meisten Eltern sonst ja ganz entspannt ist.
Gerti von gegenüber kauft die kleinen Schnapsflaschen nicht mehr. Sie hat eine Zeit lang versucht, vom Alkohol loszukommen, da hat sie es jedes Mal durch die Spirituosenabteilung geschafft, um dann doch an der Kasse die kleinen Fläschchen zu kaufen. „Geht zu doll ins Geld“, hat Gerti gesagt, als ich mal fragend geguckt hab. Sie kauft jetzt wieder die großen Schnapsflaschen. (Ich glaube nicht, dass das Geld das Problem war. Von den kleinen kann man auch immer heimlich eine einstecken, wenn man zwei kauft. Ich glaube, Gerti hat sich einfach geschämt, dass sie an dieser Kassenauslage nicht vorbeigekommen ist, ohne zuzugreifen.) „Schämen sollte sich, wer sich sowas einfallen lässt“, denke ich. Ich gehe allerdings eher davon aus, dass die Person eine Beförderung für ihre exzellente Verkaufsstrategie bekommen hat.
In solchen Momenten denke ich oft an Luisa. Wir verbrachten einen Sommer verliebt in der Stadt, machten Picknicks am See und stahlen Obst. Wir steckten es uns direkt im Supermarkt in die Münder und grinsten, als uns Traubensaft aus den Mundwinkeln rann. Luisas Eltern wünschten sich für sie eine solide Karriere. Anwältin, oder besser, Notarin sollte sie werden. Ich lernte sie auf einer Studi-WG-Party kennen, als sie bereits Jura im dritten Semester studierte. Sie erzählte mir, wie sie sich häufiger auf der Schultoilette einschloss und weinte, wenn ihre Klassenarbeiten keine Bestnoten einbrachten. Was denn los gewesen sei, hätte ihre Mutter oft gefragt, und ihr Vater hätte nahegelegt, das Volleyball-Training sausen zu lassen, es sei ja gerade eine prägende und wichtige Phase für ihre Laufbahn und da könne sie sich nun wirklich keine Ablenkungen leisten. Einen Freund nach Hause zu bringen, um ihre Eltern kennenzulernen, hatte sich Luisa bis dato noch nicht getraut.
Ich hatte damals auch studiert. Soziologie, nach 5 Semestern exmatrikuliert. Rückblickend war ich hauptsächlich da, um mit den anderen Studis tagsüber Wein zu trinken und uns unsere Ahrends, de Beauvoirs und Foucaults um die Ohren zu hauen. Luisa und ich jedenfalls wurden kurz nach dieser Party ein Paar. Ich fand das mit dem Rotwein eigentlich immer so künstlerisch
kultiviert und Luisa sah in mir dadurch wohl genau den leicht erziehbaren Softie-Rebellen, der ihre Eltern genug stören würde, um von ihren anderen Entscheidungen abzusehen. Luisa war nämlich drauf und dran, das Studium abzubrechen. (Welchen Weg sie denn sonst gehen wollte, interessierte mich nur am Rande. Das Thema Beruf und Karriere war ja auch zu bourgeois, um sich ernsthaft lange damit zu beschäftigen.)
Als der Herbst kam, tat ich eigentlich nichts anderes mehr als mich in Tagträumen zu bewegen, ich könne ein wichtiger Intellektueller des Widerstandes werden, so wie Chomsky. Ich verlor wohl ein wenig den Bezug zur Realität, denn als mir Lisa schlussendlich den Laufpass gab, sagte ich nur, sie würde in 20 Jahren allen erzählen, dass sie einmal mit mir zusammen war und die Gelegenheit versäumt hatte. An diesem Tag war ich ungefähr einen Monat lang nicht mehr nüchtern gewesen.
Ich konnte Luisa eine Zeit lang vergessen, aber nach einer längeren Nacht stieß ich kurz vor dem Einschlafen auf ein Video von ihr. Es stellte sich heraus, dass das Video geklaut worden war. Auf ihrer privaten Seite konnten Männer gegen Bezahlung intime Fotos, Videos und sogar regelmäßige Nachrichten von ihr erwerben.
Es fühlte sich wie eine zweite Chance an. Ich habe ihr nie gesagt, wer sich hinter dem Benutzernamen Grapejuice69 verbirgt und ich weiß nicht, ob sie mich jemals im Verdacht hatte. Mein Erspartes liegt jetzt auf ihrem PayPal-Konto. Steuerfrei. Seit ich keine Wohnung und kein Telefon mehr habe, kriege ich nichts mehr von ihr mit. Es ist beinahe so, wie einen Entzug zu machen. Das Gefühl, immer alles falsch gemacht zu haben, der resultierende Selbsthass und die Wut auf eine Welt, die einen erst mit dieser ganzen Misere gestraft und dann alleine gelassen hat.
Das Brennen über meinem Zwerchfell wird stärker und auch das halbe Pils in einem Zug wegzutrinken hilft nichts. Ich schleiche rüber zu Gerti und frage sie nach einem Schluck von ihrem Korn. Sie blickt mich an und reicht mir wortlos die Flasche, denn wir beide wissen: Manchmal hilft gegen das Brennen nur noch etwas Brennendes.