Die Gottheit des „Du“

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Ich war das „Du“. Früher war ich mehr, heute bin ich weniger. Ich war die Gottheit, die nicht gesehen werden will, nur erkannt. 

Ich existierte in Blicken, die sich trafen; in Seelen, die sich berührten und sangen in der gleichen Frequenz, ich war die Gottheit des „Du“, bis mein geliebtes „Du“ verschwand.

Ich brauchte keine Tempel, keine Worte, kein Gebet habe ich je erhört. 

Ich war die Tür, die man offenhält; ein gemeinsames Lachen; ein Geben und Nehmen; ich war es, die das Gegenüber erfand, das Einsamkeit zerstört.

Ihr musstet mich nicht kennen, um mich zu finden, nicht nach mir suchen, um mich zu verstehen.

Ich war da, wenn ihr euch traft; ich war da, wenn ihr mich brauchtet, im Spiegel, in der Pfütze, in den Augen des Gegenüberstehenden.

Früher lernte man von mir in Liedern und Gedichten, von neuen Farben in alten Leben, von Liebe, Freundschaft und dem süßesten Schmerz.

Alle Tränen, meinetwegen vergossen, alle echten Verbindungen aus mir geboren, heute versiegt, verkannt und verwehrt.

Ich schreie im Flüstern, sterbe in kürzer werdenden Momenten; unendlich viele Farben, doch die Welt wird langsam blind.

Sie sprechen in toten Sprachen; Körper, die sich finden, während ihre Seelen fleißig an Entfernung gewinnen.

Kalte Worte, kalte Taten, kalte Gedanken. Vielleicht bin ich zu alt und das neue „Du“ zu modern für mich.

Ich werde fragiler, schwächer und ob in Büchern, menschlichen Geistern oder im grauen Alltag des Lebens: zu wenig „Du“ und zu viel „Ich“.

Heute bin ich auf der Suche, irrend, weder da noch fort, flackernd in meiner Verlorenheit. 

Leere Stühle; Worte ohne Tiefe; sich suchende Blicke, niemals treffend; einfache Vorsicht wird zu ständig schürfender Wachsamkeit.

Ich springe durch Spiegel und fliehe durch Menschen, immer auf der Suche nach diesem einen Wort.

Den Laut habe ich vergessen; verschwommene Gesichter; frostige Gemüter; sich auflösende Stimmen; lachende Echos in einem Moll-Akkord. 

Räume der Begegnung und doch niemanden, der mich kennt. 

Keine Antworten auf Nachrichten; Eltern, die nur sich in ihren Kindern sehen, ich suche, niemals finde und werde mir doch immer weiter …

Fremd, fremd und fremd.

Wer bin ich?

Wer bist …?

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