Schmerzen treten erst bei Belastung auf

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Die Erinnerungen überlagern sich wie Zuggesichter. Stapeln sich ebenenweise übereinander, sodass man jede noch erkennt – manche geisterhaft durchscheinend – aber unmöglich sagen kann, welche von ihnen echt ist und welche nur eine Spiegelung aus dem Inneren.  Heute wärst du dreißig geworden. Zwei, drei Mal habe ich nachgerechnet, weil ich sicher war, ich müsste mich vertan haben. Ich kann mich an keinen deiner Geburtstage erinnern, zumindest an die vorher nicht. Wenn man sich nicht erinnern kann, ist es ein bisschen so, als wäre es nie passiert. Als wärst du vorher nicht gealtert. Wo man doch normalerweise erst hinterher nicht mehr altert. 

Damals in der ersten Nacht habe ich davon geträumt, wie es wäre, wenn das mit dir nur ein Traum gewesen wäre; der Polizeibeamte, der Notfallseelsorger, der meine Hand griff, alles nur Traumfiguren. Als ich aufgewacht bin, habe ich immer noch daran geglaubt. Neben meinem Kopfkissen lag dein Handy; ich weiß nicht mehr, wie es da hingekommen ist, oder wie überhaupt zu mir. Aber die Risse im Display, das Farbenspiel unter den bewegungslosen Glassplittern, hat mir ins Ohr geflüstert, dass es die Wahrheit kenne – war da Blut in deiner Kleidung? Oder Schmutz? Zwei Tage lang hat dein Handywecker noch geklingelt, unerträglich lange, weil die Aus-Taste zerbrochen war. Aber die Stille danach würde endgültig sein, das wusste ich sofort. Die gebrochene Elektronik als einziger überlebender Zeuge.

Manchmal halte ich mich jetzt wach, während die Zahlen auf dem Wecker wieder kleiner werden, weil ich Angst habe, dass ich nicht mehr weiß, wer du warst. Ich habe längst vergessen, was du am liebsten gegessen hast. Falls ich es überhaupt wusste. War es Papas Nudelauflauf? Die käsetriefende Pizza vom Lieferdienst im Nachbarort? Spag-Bol, schon im Topf zusammengemischt, mit reichlich Nachschlag? Alles, woran ich denken kann, habe ich gerne gegessen.

Trauer ist immer egoistisch. 

Würde ich an mehr als an mich selbst denken, dann säße ich jetzt nicht hier, sondern würde etwas erschaffen. Etwas erschaffen, das andere berührt. Als du Mama den Servierwagen geschenkt hast, wusste sie sich nicht recht zwischen Rührung und Enttäuschung zu entscheiden. Du hast ihr dein Gesellenstück gegeben. Aber: Du hast ihr dein Gesellenstück gegeben. 

Geschichten sind nie wahr, sie verbergen immer auch das, was nicht erzählt wird. Ob du gesprungen oder gestürzt bist, haben wir uns immer und immer wieder gefragt. Vielleicht bist du geflogen, weil du aufgehört hast, dich festzuhalten.

Was schenkt man jemandem zum Geburtstag, der nichts mehr gebrauchen kann?

Deinen ersten Geburtstag ohne dich haben wir im Zoo verbracht. Einmal auf der anderen Seite stehen. Glotzen und warten, ob was passiert. Ich wünschte, ich wüsste noch, worüber wir geredet haben. Obwohl eigentlich egal ist, welche Worte wir benutzten, der Inhalt war immer derselbe. Ob ich sagte, dass ich wieder zur Schule müsse, wegen der Deutschklausur; oder Mama, dass die Beerdigungsgäste ruhig den Putz von den Wänden fressen könnten. Irgendjemand war immer schockiert. Man guckt ja nur so gespannt, weil die auf der anderen Seite der Glasscheibe einem selbst so ähnlich sind. Weil man sich vorstellt, dass es ein Leichtes wäre, die Plätze zu tauschen. Manchmal wäre ich so gern auf deiner Seite. Es hat den Falschen getroffen, denke ich dann, aber das geht vorbei.

Wir wussten beide nie, was wir vom Leben wollten. Sind gemeinsam durch die Messegänge geirrt, an Prospekten voller Zukunft vorbeigestolpert, an Menschen mit Perspektiven entlang und nichts erschien uns richtig. Wahrscheinlich dachten wir beide heimlich, wir seien zu Höherem bestimmt. Die Umsetzung ist Auslegungssache. Du hast einmal gesagt, dass du die ganze Welt in dir drin hättest. Ich hab‘ daraus ein Lied gemacht, mit siebzehn. Weil ich mir noch nie anders zu helfen wusste, als Worte um den Schmerz zu wickeln wie einen Druckverband.

Es gibt so viele Arten, mit dem Bruch umzugehen, ihn zu verstecken oder zu versorgen. Schmerzen treten immer erst bei Belastung auf.

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