Autor:in: Viola Festnetz

  • Zwei Lines

    Zwei Lines auflegen, duschen gehen, spucken, stolpern,  ausrutschen, aus der Dusche kommen, das Mephedron ist vom  Wasserdampf unbrauchbar geworden. 

    Es wird Tag und der Morgen kracht auf mich ein, als ich die  Wohnung des Vaters des Sohnes verlasse, und ich suche  Vorwände, um mich zurück zu schleppen zu dem Sohn, der auch  drauf ist, und mich im Arm hält. Er scheint die Klingel nicht zu  hören oder will sie nicht hören, mein Finger ist Eisen auf Metall,  dann gebe ich auf und fahre los. Mir brummt der Kopf, die Finger  zittern, die Nase läuft, im Mund zu nass, die Haut viel zu eng für  all die Substanz in einem drin. Die ganze Nacht durchgeredet,  jetzt schweige ich 18 Stunden und bitte meine Therapeutin um  einen Termin. Sie hat einen, ich gehe hin und sie sagt mir, dass ich  süchtig bin nach Kokain, MDMA, Ketamin, Mephedron, Alkohol  und Shrooms. Ich habe meine Therapeutin kennengelernt, weil  mir die Sucht meines Vaters das Leben schwer gemacht hat. Ich  habe auf anderes gehofft. Mir dreht es den Magen um und ich  fange an, ein bisschen zu lügen, und die Scham darüber, dass ich  lüge, ist fast so schlimm wie die Scham darüber, wieviel und wie  oft ich konsumiere, oder die Scham darüber, dass sich der  Schatten meines Vaters jetzt nicht nur an meine Fersen geheftet  hat, sondern dass mir mein eigener gewachsen ist, und dass ich  ihn nicht erkannt habe, weil er natürlich 

    natürlich! 

    ganz anders aussieht. 

    Und als ich es meinen Freunden erzähle, gebe ich meinen Ärger  über meine Abhängigkeit nicht zu, sondern mache Witze, ich  klappe meine Knie zusammen und sinke jammrig beim  Übertreiben in die Hocke, als wäre meine Therapeutin schuld an  der ganzen Misere, und meine Freunde lachen, aber ich denke,  dass sie sich an den Kopf fassen und meine Naivität verurteilen,  und dass in ihren Augen steht: 

    NATÜRLICH!

    WIR HABEN ES DIR DOCH GESAGT. 

    Weil sie es mir gesagt haben, weil sie verzweifelt und enttäuscht  waren, weil sie meinen Puls fühlen mussten, weil sie mich an den  Schultern nehmen und schütteln mussten, weil sie immer das  Telefon abgehoben haben und ich hier nun stehe mit  zusammengesacktem Unterkörper im Mittelpunkt des  Geschehens mit den Grinsern und Lachern auf meiner Seite und  einer unterhaltsamen Story im Gepäck, könnte ich mir selbst vor  Scham  

    glatt 

    eine legen.