Autor:in: Maxi Theresa

  • Schamlos

    Sie kommt zur Tür hinein, trägt den burgunderroten Mantel, der  nur 150 statt 300 gekostet hat, gekauft im März. Ihre Mutter sagt,  der sähe nach Nutte aus. Findet sie nicht, denkt aber trotzdem  jedes Mal dran, wenn sie ihn von der Stange nimmt. Lederstiefel dazu traut sie sich nicht immer. Wenn sie sie doch anhat, sagt ihre  Mutter zur Freundin am Telefon: „Schamlos ist die, der ist alles  egal!“ 

    Die Leute im Café denken gar nichts. Nur der Unscheinbare, der  allein ein Buch liest, der schaut auf, mustert sie, findet sie elegant  und denkt an den eigenen Mantel, der sehr ähnlich aussieht. Bei  ihm war es der Mitbewohner, der ihn dafür ausgelacht hat. „Sieht  aus wie ne Bitch!“, meinte er. So traute er sich im ersten Monat  nicht, den Mantel zu tragen, wenn der Mitbewohner dabei war.  Erst als eine Freundin sagte, der stehe ihm aber gut, da ging es  wieder. Er überlegte dann, ob er den Mitbewohner mal drauf ansprechen sollte, dass ins Waschbecken pinkeln eklig ist, auch  wenn man betrunken ist. „Hat der keine Scham?“, dachte er, als  er es nach dem Feiern das erste Mal beobachtete. Aber er sagte  nichts, weil er sich schämte, einem anderen beim Pinkeln  zugeschaut zu haben. 

    Sein Vater, der hätte sich nicht geschämt. Der hätte den  Mitbewohner wahrscheinlich grün und blau geschlagen, bis er vor  Angst pinkelte. Irgendwohin. Ob sich der Vater schämte,  nachdem er schlug? Ob er vor sich eingestand, dass es unrecht  ist, zu schlagen? Sicher tat er das, doch nur er kannte die leisen  Tränen, die ins Kopfkissen sickerten, wohl in der gleichen  Frequenz wie die des Sohnes. Der schämte sich viele Jahre später,  dass er sich den Kommentar des Mitbewohners so zu Herzen  genommen hatte. 

    So trug er doch Jahre später nur noch solche Mäntel, in  Burgunder, Ocker, Aschfarben und Purpur. Es kümmerte ihn  nicht mehr, was die Andern kommentierten oder dachten. Und  doch schämte er sich. Er schämte sich bis an den letzten Mantel,  schämte sich nicht mehr wegen des Kommentars, sondern  schämte sich des Schämens wegen. Wer schämt sich schon so  lang? 

    Der Mitbewohner ermüdete bei seiner Scham genauso wenig. Doch ging es nicht um den längst vergessenen Kommentar, viel  mehr schämte er sich seit seinem 18. Geburtstag. Er ging damals,  einsam und betrunken, in eine der Bars, die er bis dahin nur von außen kannte. Er lernte seinen Ersten kennen und liebte ihn auf  der Toilette ins Glück. Der andere kam und ging, doch er sackte  auf dem Boden zusammen, spürte noch immer das Brennen des  Spermas. 

    Nun wendete er den Blick ab, wenn er an der Bar vorbeiging. Er  befürchtete, er würde erkannt. Die Scham! Er achtete dann also  akribisch darauf, sich seinen Besuch nicht anmerken zu lassen,  verbannte die Farben aus dem Kleiderschrank. Die Accessoires  und auch der in Wahrheit schöne Mantel seines Mitbewohners  waren eine Bedrohung. 20 Jahre später schämte er sich für diese  Zeit. Wie er sich eingeschränkt hatte. Wie unsicher er gewesen  war. Wenn sein Partner einen Abend nicht im Haus war, trauerte  er der an die Scham verlorenen Zeit hinterher. Sogar Neid kam  auf, sein Partner hatte sich so viel früher gelöst, war so viel freier  gewesen. 

    Der Partner schämte sich unterdessen, weil er wieder einmal  vergessen hatte, am Morgen die Katze zu füttern. War es denn so  schwer? Alles, was nicht im Kalender stand, vergaß er. Lag das am  Alter? Sein Vater hatte ja auch Probleme damit gehabt. Hat sich  dafür geschämt, wollte nicht als Alter abgestempelt werden, war  doch noch zu allem fähig. Aber er vergaß immer mehr und mehr,  wusste nicht mehr, wie er nach Hause kam, wusste nicht mehr,  wer der Sohn war, kannte sich im eigenen Haus nicht mehr aus.  Erzählte es erst nicht, weil er nicht zeigen wollte, wie viel Angst  er hatte, wie sehr es an ihm nagte. Bis der Sohn es dann erkannte,  ihm die Hilfe aufzwingen musste, wochenlang auf ihn einredete,  und sich insgeheim schämte. Der Vater wollte es nicht, das war  das eine, wozu es nie kommen sollte. Wehrte sich, musste dann  doch zugeben, dass er die Pflegerin brauchte. Eine tolle Frau, die  drei Mal in der Woche kam und ihm half, bis es nicht mehr ging. 

    Sie schämte sich für ihren Job. Die Eltern beide studiert, und  sie? Eine Pflegerin, ungelernt, 1700 netto wenn alle Stunden  kamen. Kein schlimmer Beruf, nein, aber so wenig Geld. Hätte sie  das Studium nur geschafft. Als Trost gab es immerhin den Mantel,  nur 150 statt 300, weil sie ihn im März kaufte.