Autor:in: Leo Lemke

  • Die Umarmung des Mondes

    Der Mond liegt blass auf den Wassern des Cháng Jiāng, als Lǐ Bái sich samt Schatten an sein Ufer setzt – zwischen Päonien, deren Blüten sich weigern, in der Nacht zu ermatten. In seinem Korb aus Weidenruten klackert und plätschert es, als der alte Dichter ihn absetzt. Er breitet im Gras seine Habe aus: Gefäße verschiedenster Größe aus Keramik und Kürbis, vereinzelt aus Glas. Eine Schriftrolle. Ein Etui mit Pinsel. Eine kleine Statuette von Wénchāng Wáng und eine Trinkschale. Das vertäute Fischerboot, das sachte auf dem Wasser schaukelt, wird sich noch etwas gedulden müssen. 

    Erst entkorkt Lǐ Bái die Kürbisflasche, gießt sich Huángjiǔ ein, trinkt aus, schenkt nach, trinkt aus, schenkt wieder nach, und schüttet dann die anderen Flüssigkeiten hinterher, vermischt den Reiswein mit ätherischen Ölen und Kräutersuden, Körperflüssigkeiten und Quecksilber. In Cháng’ān hatte Hè Zhīzhāng ihn als einen der Acht bezeichnet. Heute würde er dieser Bezeichnung endlich gerecht werden. In der Schale ruht nun, perlmuttschimmernd, das Ergebnis seiner alchemistischen Studien. Flüssige Unsterblichkeit, die frisch getrunken werden will. 

    Gaumen und Zunge, vom Reiswein bereits abgestumpft, gibt Lǐ Bái mit Huājiāo den Rest. Er kaut auf den getrockneten Früchten aus Sìchuān, bis sein Mundraum betäubt ist, nimmt das schmierige Gebräu dann nur noch diffus wahr, als er es zu saufen beginnt, schmeckt Bitterkeit und Säure, Schärfe und Moder lediglich im Ansatz. Eine Ewigkeit vergeht, vom ersten bis zum letzten Schluck. Als der Boden der Trinkschüssel wieder sichtbar ist, verlieren die Dinge vor Lǐ Báis Augen ihre Konturen. Auf weichen Knien ergreift er seine Schreibutensilien, gibt Wénchāng Wáng einen Kuss und begibt sich durch eine weingetränkte, quecksilbrige Wirklichkeit zum Boot. Das geknotete Tau wirkt wie ein Fremdkörper auf ihn. Faserige Rauheit auf weicher Haut, eindeutige Funktion in einer verschwommenen Welt. Lǐ Báis Schatten winkt zum Abschied, als das Boot schließlich davontreibt. Er hat sich entschieden, am Ufer zu bleiben.

    Ein Unsterblicher hat sich keinem Fluss zu beugen. Darum missachtet Lǐ Bái die Strömung des Cháng Jiāng. Anstatt zu rudern, schreibt er Verse auf Papier. Durch die Dichtung sickert Poesie in Wirklichkeit. Das Boot treibt zielgerichtet auf den Mond zu, hält an. Voll und blass liegt er da, auf wellenlosem Wasser. Auch der Mond missachtet das Gesetz des Flusses. Lǐ Bái blickt auf ihn hinab wie auf einen alten Freund, hat schon mit ihm angestoßen, in gedichteten Gelagen. Er beugt sich über die Bordwand, zu weit, und breitet seine Arme aus. Dann verliert er das Gleichgewicht. In einer Welt mit klarer Zeichnung würde er nun fallen, das Widerbild des Mondes durchstoßen und in die Tiefen gezerrt werden. Doch in dieser Welt umarmt Lǐ Bái den Mond, der blass auf den Wassern des Cháng Jiāng liegt, und der Mond, der umarmt ihn zurück.