Samt

geschrieben von

Das Wispern der Sträucher ist hier draußen bis an meinen  Bewusstseinsrand zurückgedrängt. Meine Brust hebt und senkt  sich im Takt der Planken, über denen der Samt spannt. Im  gebrochenen Abendlicht seltsam verflacht durchgleitet eine  Reihe Schatten das Wasser unter meinen Füßen. Rochen, meine  ich, handtellergroß, eine Familie, vielleicht, geräuschlos vereint. 

Hier draußen höre ich nur noch die Elemente. Nur die Sonne. Nur  das Meer. Allein in meinem Rücken, dort, wo sich der Steg bis hin  zum Sandstrand kräuselt, dort, hinter den Dünen, ist es noch  immer furchtbar laut. 

Den Pavillon erkenne ich auch im Gegenlicht. Er ist so verlassen  wie in meiner Erinnerung, das Band über der Eingangstür noch  immer unberührt. Ich raschle mich den Stoff entlang in sein  Inneres, gleite mit den Sohlen über die Bahnen, falte die Hände  über dem Samt und schicke ein Gebet durch die Luke im Dach bis  hinauf in den Himmel. 

Dass mich dort – oder hier – jemand hört, glaube ich nicht. Ich  fülle einfach diesen Raum, alleine, weil er mir gehört. Höre  endlich, wer da spricht. Forme daraus, wer ich bin. Mache keine  Kompromisse. Ziehe eine letzte Grenze. 

Und empfinde: beinah nichts. 

Es wird dunkel, hat Mutter gesagt, die Wangen noch nicht ganz  trocken. Es wird ihre Sorge bleiben. 

Geh nicht, hat Vater gesagt, die Hände, noch rot, auf ihren  Schultern. Es wird sein Bedürfnis bleiben. 

Ich hätte sagen können: Ich muss, 

vielleicht sogar: Ich will.

Hätte erklärt, vermittelt, besänftigt, erstritten. Sie nicht mit  sich allein gelassen. Ihre ganze Welt getragen. 

Doch ich habe nichts gesagt. 

Ich habe mich umgewandt, die Mutter, den Vater, sie beide im  Rücken, den Blick auf dem Pavillon im Gegenlicht. Auf dem  samtenen Steg inmitten der Gischt. Den Blick nur auf den  Elementen. Nur auf der Sonne. Nur auf dem Meer. 

Weitere Beiträge