mother tongue

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Diese Wände drücken mir die Rippen ein. 

Ein Bruch hier, – nein, Verzeihung, eine Fraktur nennt man es  wohl – eine Prellung dort. Blau staut es sich, ja, schwillt es unter  meinem Herzen, vergeht in Buttergelb und Salbei. Niemand hier  kennt meinen Namen, für sie ist er nicht von Belang. Mein  verräterisches Gesicht lediglich eines unter zahllosen  Studierenden.  

Hier bin ich nur sicher, wenn ich schweige, so viel weiß ich  schon. Jedes meiner Worte stieße gegen Beton, splitterte an den  Kanten, der Putz stäche in meine Zunge. Wochenlang würde ich  den Sand schmecken, den Zement, das dreckige Wasser. Würde  vergiftet auf dem Sofa siechen, merken, wie meine Organe  erhärten und vor Scham zerfallen.

»Sieh sie dir an«, würden sie sagen, nicht mit Worten, eine  faltige Stirn reiche, »die pelzige Zunge, die den Putz verschlang.« Mein Gott, man hat es mir ja nie gesagt.  

Obwohl ich, so sagen sie, ihre Sprache nicht spreche, lese ich  stets aus ihren Körpern.  

Die akademischen Lider, wie sie zittern, wenn ich mein Maul  aufmache. Ihre Lippen, wie sie aufeinander, ja, aneinander reiben  wie Schleifpapier, nur weil ich mir anmaße, Sätze in ihren Hörsaal zu rotzen. Ihre angespannten Hälse, wenn sie verwundert ihren  Schädel in den Nacken legen, weil ich Raum einnehme, den sie  vermacht bekamen und ich nicht. Als stecke meine Zunge in ihren  Wirbelsäulen, wenn sie sich drehen. Wenn sie Wirbel knacken und 

Bandscheiben vorfallen lassen, reißen sie mir meine Worte aus  dem Mund, bevor ich sie sprechen kann.  

So ziehe ich zurück, bewahre sie und ducke mich in ihren  Räumen. Versiegle meine Lippen und hinterlasse, was ich sagen  will, ganz klein. Ich schwitze meine Worte zu hochprozentiger Wut. Meine Sprache zieht den Kopf ein und hofft. Sie hofft, durch  Türspalte zu huschen, die maroden Treppenhäuser zu erklimmen  und den Aufstieg unbemerkt zu schaffen. Doch alle Stufen  knarzen, wenn man nicht weiß, wo man hinzutreten hat.  

»Sieh sie dir an«, würden sie sagen, nicht mit Worten, ein  knackender Lendenwirbel reichte, »die mickrige Zunge, die den  Fehltritt trat.« 

Mein Gott, man hat es mir ja nie gesagt.  

Zwischen Stockwerken sehe ich die Risse im Putz. Ich fahre die Wandwunde mit den Fingern nach, folge und  krache kopfüber in ihren Ausbruch. Dort sitzen sie, jeder und jede  Einzelne, hinter verschlossener Tür, hinter vorgehaltener Hand,  im Seminar. Glotzen mir mit ihren matten Augen auf den Mund  und wuchten sich unter die Türklinke, verriegeln den  Notausgang. Eine Schande, wäre ich im gleichen Raum. Genug davon, sabbere ich, es langt. 

Durch die Bauchdecke sieht man meine Magenwand glühen,  glutrot wie ein Schmelztiegel, sengend. In mir brodelt es, schlägt  über den Rand, spuckt kochend meine Speiseröhre hinauf. Mein Kiefer schmilzt meine Wut und schmiedet sie zu mattem Stahl.  Ein Vorschlaghammer wächst aus meinem Mund, drängt meine  stumpfen Zähne zur Seite und schafft Platz für all das Ungesagte,  all das Verschluckte. 

Schon immer wurde sie versteckt und klein gehalten,  beschnitten und korrigiert, diszipliniert und konditioniert.  Abgetan als Schwäche, aufgeblüht als Waffe – meine ach so  schamhafte Sprache. Blinde Rage kocht meine Augäpfel trüb und  ich gehe auf sie los. 

Ich hole aus, schlage zu. Klinke aus dem Schloss, Lack vom  Furnier. Aus den Angeln springt mir die Tür entgegen. Eine  Traube um mich und ich speie all die Worte, die sie zu hören nicht  geboren worden sind. 

Ich hole aus, schlage zu. Scheiben aus den Fenstern, Stuck von  der Decke. Aus den Kupferleitungen prescht Scham und  verdampft. Der Raum leer und die Wände nur mehr nackter  Unterbau. 

Die Institution ist nicht unzerstörbar. Ich reiße ihre Wunden  auf, entkerne ihre Räume und offenbare schamlos ihr fehlerhaftes  Fundament. 

»Sieh sie dir an«, würden sie sagen, körperlos, nur mit den  Silben, die ihnen blieben, »die dreckige Zunge, die die Mutter ihm  vermachte.« 

Mein Gott, man hat es mir ja nie gesagt, also sage ich es nun. Die Knochen der Institution liegen brach. Wir brauchen neue  Räume. Müssen sie bauen, aus der Wut, die wir fühlen. Müssen sie  verputzen, mit der klebrigen Scham, die so lange an uns gehaftet  hat. Fragt man nach dem Schlüssel, zeigen wir unsere Hände, die  unserer Mütter und Väter, die unserer Großeltern. Verkratzt, staubig und schamlos werden sie in Hemdsärmeln  versteckt, als wären sie falsch. Als gelte es zu verstecken, was die  Arbeit in unsere Körper schrieb. 

Als läge es an uns und nicht am System. 

Zu keinem Zeitpunkt waren wir falsch. 

Nie haben wir nicht funktioniert. 

Los, spucken wir die Scham in den Wind.

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