Es hatte sich herumgesprochen, dass Theresa Schwanz gelutscht hatte. Viele Beschreibungen wurden für den Vorfall genutzt: Sie hatte jemandem einen geblasen oder ihn am Penis gesaugt; ab und zu hörte man, fast gehaucht, das Wort „Blowjob“ durch die Gänge wabern, nach einiger Zeit reichte allein ein zum Mund gestreckter Zeigefinger. Aber seit ein lauter Junge das Ganze „Schwanzlutschen“ genannt hatte, hatte sich der Ausdruck in Amelies Hirn festgesetzt und war dort unzählige Male hin und her gesprungen wie ein Basketball, bis er auf dem Boden ihres Kopfes zum Stillstand kam.
Dann sprang er wieder auf, wenn sie im Unterricht oder am Abendessentisch saß, um von einer zur anderen Hirnhälfte zu springen. Schwanzlutschen, das Wort, wurde mit der Zeit immer plastischer für sie, während der eigentliche Vorfall zu einer dunklen und ungewissen Vorstellung wurde wie eine längst vergessene Erinnerung.
Man wusste, dass es in einem Parkhaus passiert war; oder man vermutete es. Theresa konnte sie sich vorstellen, auch hockend, aber schon bei ihrem Gesicht wurde es schwammig. Noch schwieriger war es mit dem Jungen. Er entwickelte sich von einer vagen Figur in Trainingsjacke (die war zumindest bei den Jungen in ihrer Klasse beliebt) zu einem mehr oder weniger schwebenden Penis – das einzige fleischerne Stück an einem geisterhaften Schatten. Nur wusste sie auch nicht, wie groß der Penis eines Jungen in ihrem Alter eigentlich war. In Gedanken pustete sie den Penis auf und ließ ihn dann wieder ganz klein zusammenschrumpfen, wodurch er sich in unbestimmten Bewegungen vor Theresas Gesicht auf und ab bewegte. Die gesamte Vorstellung fing nach einiger Zeit an, ihr Angst zu machen.
Da war das Wort Schwanzlutschen eine willkommene Unterbrechung, die sie sich immer wieder in den Kopf holte. Schwanzlutschen war drastisch, doll; es war ein Wort, das sich herrlich hart auf ihrer Zunge anfühlte. Man konnte das erste „sch“ ganz langziehen und den Rest dann schnell hinterher schnalzen lassen. Manchmal bewegte sie den Mund im Unterricht, als würde sie es sagen, hielt die Lippen dabei aber geschlossen. Es war ein riskantes Spiel, das ihr Adrenalin durch die Fingerspitzen schießen ließ. Wenn sie sich vorstellte, dass das Wort irgendwann aus Versehen aus ihr raussprudeln könnte, war sie aufgeregt und unfassbar angsterfüllt zugleich, so sehr, dass sie den Kopf schütteln und sich in eine andere Richtung wenden musste.
Sie konnte sich noch daran erinnern, als sie das erste Mal von dem Vorfall gehört hatte. Sie hatte noch nicht gelernt, was man in so einem Moment sagt. Ihr war nur ein leises „Oh“ über die Lippen gekommen und ihr Kopf hatte sich beim Gedanken an Theresas Gesicht automatisch nach unten gesenkt. Erst mit der Zeit hatte sie all die Wörter gelernt, die man dafür benutzen kann. Sie hatte beobachtet, wie die Jungs immer lauter wurden, wenn sie darüber sprachen – Vokabeln: Pimmel im Mund, Yarak lecken, in den Hals stecken, saugen, keuchen, schwanzlutschen. Die Mädchen dagegen wurden stiller, setzten einen seltsamen, ekelerfüllten Gesichtsausdruck auf und drehten sich weg – Vokabeln: hm, uh, iiiih, wäh, nee. Manche trauten sich bis zu einem „Echt?“ oder „Wow!“ vor. Dann hüllte sich ihre Gruppe in Schweigen, eine sanft aufplusternde Wolke um all ihre Körper.
In einem Buch hatte Amelie von einer Vampirin gelesen, die sich als junges Mädchen getarnt in eine Schule einschleuste. Die anderen Charaktere beobachteten sie durch schmutzige Schulfenster und konnten sie nie ganz erkennen, als würde sie in der Ferne verschwimmen. So in etwa nahm sie Theresa neuerdings wahr. Manchmal bildete sie sich ein, sie in der Ferne zu sehen, hinter dem Fußballplatz oder bei den Fahrrädern, während sie im Klassenzimmer saßen. Durch den Vorfall war sie von einer gewöhnlichen Schülerin zu einem Phantom geworden, einer fernen Gestalt, die nie ganz zu fassen war.
Weil ihr die ganze Sache insgesamt Angst machte, musste Amelie sich eingestehen, dass sie Theresa unglaublich mutig fand. Das Parkhaus und der Geist mit dem fleischernen Penis wurden in ihrer Vorstellung immer düsterer – nur einmal überlegte sie kurz, ob die ganze Sache vielleicht sogar tagsüber und nicht in tiefster Nacht passiert war. So oder so wanderte Theresa immer wieder in ihre Gedanken und ging mit eisernem Schritt weiter in ein zehn, manchmal zwanzigstöckiges Horrorparkhaus, das, nur von ein paar Laternen beschienen, aus der Nacht ragte. Ab und zu erfand Amelie noch Graffitis und flackernde Lichter hinzu, oder ferne Polizeisirenen. In der Schule hatte sie besonders viel Zeit, sich alles auszumalen. Manchmal kam es vor, dass sie fast sauer war, wenn die anderen Mädchen sie ansprachen, wenn es klingelte, weil sie noch etwas länger in ihrem Tagtraum hängen wollte. Das schien den anderen nicht so zu gehen. Mit der Zeit verlor der Vorfall an Brisanz, die Jungen schrien über neue Themen und die Mädchen schwiegen weiter. Nur in Amelies Kopf tanzte das Schwanzlutschen weiter hin und her und fand in ruhigen Momenten, wenn die Wohnung leer war und die Sonne unterging, den Weg über ihre Lippen.