Sie taumelt mehr, als dass sie geht. Die Kniescheiben knacken, könnten jederzeit unter ihr wegbrechen. Als die Kneipentür hinter ihr zuschlägt, drängt der kalte Windstoß sie ins Licht. Tess hält den Atem an, stolpert hinein in den scharfen Geruch von Bier und Schweiß. Sie spürt die Blicke, natürlich tut sie das, sie sind ihr so vertraut wie ihre eigenen Hände oder das Gefühl der BH
Träger, die sich in ihre Schultern graben. Die Blicke in ihrem Dekolleté, auf ihren Haaren, ihren Nägeln, ihren Ohrläppchen, ihren Füßen. Sie schieben sich unter ihren Hosenbund, phantasieren, begehren, verletzen. Sie versuchen nicht einmal unauffällig zu sein. Früher gab es Momente, da hat sie sich in diese Blicke hineingelehnt wie in eine Umarmung. Dann gab es Phasen, in denen sie davon genervt war, sie mit einem Augenrollen kommentiert hat. Aber heute. Heute will sie unsichtbar sein, so unbedingt, und jeder Blick auf ihrer Haut ist ein Widerhaken, der sich ins verletzte Fleisch schlägt.
Tess setzt sich auf den Barhocker, legt die Ellenbogen auf den Tresen, wartet.
Als der Barkeeper fragt: „Dasselbe wie immer?“, sagt Tess: „Nein, heute mit Schuss, bitte.“
Er zieht eine Augenbraue nach oben, nickt aber. Vielleicht denkt er, sie hätte ein Alkoholproblem. Denn normalerweise, wenn sie mit ihren Freundinnen hier ist, trinkt sie einen Virgin Mule im Kupferbecher, Limettensaft, Ingwersirup und frische Gurkenscheiben, etwas, das sie sich gönnt am Samstagabend nach einer fünfzig-Stunden-Woche.
Tess sieht sich um, versucht genauso schamlos zu sein wie die Männer mit ihren dunklen, schweren Blicken. Wie gerne sie sich die Haut abkratzen würde, jede Schicht, bis die Knochen freiliegen und die Männer erkennen, dass sie auch ein Mensch ist.
Noch immer spürt sie die Kälte zwischen ihren Beinen und die Leere. Eine Leerstelle, die mit jedem Gedanken daran weiterwächst, sie von innen heraus umschlingt. Ihr eigener Körper ist Tess auf eine Art und Weise bewusst, die schmerzhaft ist, kaum aushaltbar. Der Puls an ihrem Hals, die kalten Fingerspitzen, die Schmerzen im Unterleib, von denen Tess immer noch nicht weiß, ob sie Einbildung, Phantom, Realität sind.
Tess will ihre Schwester anrufen oder ihre Mutter, will eine beruhigende, vertraute Frauenstimme hören, aber gefiltert von Mitleid und Schock. Sie will ihren Freundinnen erklären, was passiert ist, aber sie weiß, sobald die Frauen durch die Tür treten, wird sie keine Worte für das haben, was ihr geschehen ist. Sie will auf den Tresen steigen, sich die Klamotten wegreißen, ihren Unterleib freilegen, die Blicke der Männer auf ihrem Uterus spüren, schreien: Schaut mich doch an. Schaut, was dieser Körper, den ihr so unbedingt flachlegen wollt, aushalten muss. Und immer die Frage, wie sie überhaupt noch stehen kann, warum ihr Körper das noch mitmacht.
Dass sie schweigen wird. Das ist das Schlimmste. Dass ihre Arbeitskolleginnen, ihre Schwiegereltern, sogar ihre Freundinnen und ihre Schwester nicht wissen werden, was sie verloren hat.
Der Barkeeper schiebt den Kupferbecher über den Tresen, lächelt. Ein bisschen mitleidig, vielleicht sogar besorgt. Er ist jung und nett und er arbeitet jedes Wochenende. Tess hat den Eindruck, sie würden sich kennen, dabei sprechen sie nie mehr als ein paar Worte miteinander. Aber sie nicken sich zu, wenn Tess kommt und geht, immerhin.
„Vor vier Tagen war ich noch schwanger“, hört Tess sich sagen. Der junge Mann hält inne.
Sie wiederholt den Satz, für den Fall, dass er sie nicht verstanden hat. Obwohl Tess in seinem Blick erkennt, dass ihre Worte bei ihm angekommen sind. Vielleicht wollte sie es nur noch einmal selbst hören.
„Du hast ein Kind bekommen?“, fragt er mit großen runden unschuldigen Augen.
Tess greift nach ihrem Becher, steht auf. Das Stechen im Unterleib setzt wieder ein. „Nein“, sagt sie, „habe ich nicht.“