Wortbefreit

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ich stehe vor dem Badezimmerspiegel mein Körper steht in Flammen 
also tauche ich ihn in Wasser 
so heiß, dass meine Haut schreit. 
gut so.  
ich spüre seine Berührungen, wie gebrandmarkt als wären sie für jeden sichtbar 
und so greife ich nach dem Waschpulver und schrubbe. zwischen meinen Beinen. bis es rot ist und beinahe blutet. 
aber es ist, als wäre er immer noch da.  über mir, auf mir, neben mir, in mir. 
ich habe keine Worte dafür. 
aber ich kratze und wische 
als wäre unter der Schicht aus Schande  irgendwo meine Unschuld begraben.  
dabei liegt sie noch in seinem Bett. 

Rot läuft meine Beine hinab. 
Innen. 
und Außen. 
meine Periode bin ich gewohnt. 
den zischenden Schmerz an meiner Haut auch. Ihn kenne ich schon länger als sie. 
ich will tiefer treffen. 
ich will schneiden, bis das Rot alles färbt. meinen Körper unwiderruflich verlässt. und nicht mehr atmen muss. 
am nächsten Tag werde ich es bereuen. mich dafür hassen, keine andere Lösung zu haben. aber die Richtige wurde wohl patentiert. 

ich stehe auf der Waage 

Schockstarre 
bevor die Reue einsetzt 
meine Wangen rot vor Wut und Scham 
das eine Brötchen war zu viel, ich hätte es doch wieder loswerden  sollen, warum habe ich zwei Stücke Pizza gegessen, warum war  Milch im Kaffee, ich hätte, sollte, könnte. 
Zu Viel. Zu Viel. Zu Viel.  
jede Nummer über Null bedeutet Versagen, aber das weiß ich noch nicht. 
ich spüre nur die brennende Scham  
während meine Hand hart auf meinen Körper trifft 

wir stehen vor der Leinwand 
schreiben Namen auf  
und schreien „Schande!“ 
denn sie soll die Seiten wechseln, 
aber dennoch  
wächst sie erneut in mir, klebt an mir, krabbelt und kriecht,  schlängelt sich um mich, bis ich kaum noch atmen kann voller Bedauern über das Geschehene, als würde ich jene männer  verraten  
vielleicht war es ja gar nicht so schlimm, vielleicht rede ich es mir  falsch ein? 

geteilte Scham 
ist wohl doppelte Scham. 

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