Nicht mehr auf den Boden schauen

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Selbst schuld, sagt der Mann, in den ich verliebt bin, ich habe mich  noch nie für irgendwas geschämt, liegt er da, ausgestreckt, seinen  Kopf auf seine Handfläche gestützt, müde lächelnd, bis eben noch  so schön. Bis eben wollten meine Finger noch auf seinen  Augenbrauen spazieren gehen, selbst schuld, ich war Scham  gewesen, in allem, was mich ausmacht. Meine Scham wog lange  Zeit mehr als meine Zuneigung, denke ich. 

In meinem Magen lag ein Stein und im Haus an der Kreuzung  zeigten 160 Fenster zur Straße – das war vor zwanzig Jahren.  Jeden Morgen stand die gleiche Frau neben mir an der  Bushaltestelle. Unter ihren Augenbrauen klebte Wimperntusche  und sie schaute geradeaus. Ich zählte ihre Wimpern, das Hecheln  von Hunden, das Rauschen der Autos. Zwischen den Steinplatten  am Boden wuchsen Grashalme, meist war mir kalt. 

Meine Hosenbeine schlackerten um meine Knöchel, die Hose  zu kurz und die Schuhe zu klein – das war vor zwanzig Jahren. Ich  habe nie gelernt mir die Schuhe zuzubinden, immer gehen meine  Schnürsenkel auf – das war vor zwanzig Jahren – das ist heute. 

An der Haltestelle wurde ich ausgelacht, wegen meiner Mütze,  seitdem trug ich sie im Rucksack. Jeden Morgen lief ein Mann  schräg an der Haltestelle vorbei. Zügig, geradlinig, mal ein  Klemmbrett in der Hand, mal einen Becher, mal war seine Hose  grau, mal war sie schwarz, immer mit dem roten Fähnchen, ein  Strauß auf dem Weg in seinen Transporter. 

Elektro Decker. 

Das klang schön und der Bus kam immer zu spät. Die Haut  neben meinen Daumennägeln hatte ich aufgekratzt, so oft und so  tief, morgens waren meine Finger voller Blut und mittags voller  Tinte – das war vor zwanzig Jahren. Der dünne Stoff in meinen  Jackentaschen war aufgerissen, Kastanien, Gummibänder,  Taschentücher, alles war in den Saum meiner Jacke gerutscht.  Wenn ich heute in meine Jackentaschen greife und  Polyesterfäden spüre, ich bis zum Saum meiner Jacke greifen kann, dann erinnere ich mich genau. Ich habe mich noch nie für  nichts geschämt. 

Damals stellte ich mir vor, wie der Elektro Decker Wagen um  die Ecke käme und vor mir anhielte und statt dem Mann am  Morgen, wünschte ich meinen Vater ans Steuer, ganz normal, und  ich träumte, er würde winken und ich würde auf den Wagen  zugehen, einsteigen, ich würde keine Fenster zählen, Grashalme,  Wimpern, Atemzüge, ich würde nichts zählen und beim Laufen  geradeaus schauen, ich würde nicht auf den Boden schauen. 

Zwanzig Jahre ist das her. Ich schämte mich an Esstischen, auf  Schulfluren, in Umkleidekabinen, an der Bushaltestelle, beim  Duschen. Ich schämte mich in meinem Bett, in Wartezimmern, an  Supermarktkassen, in meinen Träumen. Ich schämte mich für  meine Haare, zu viele, zu dicke, auf zu blasser Haut. Ich schämte  mich für meinen Namen. Ich schämte mich für die Sprache  meines Vaters und ich schäme mich, weil ich sie nicht verstehe,  selbst schuld. Ich schämte mich für meine Armut und dass ich sie  nicht verbergen konnte und manchmal schäme ich mich für  meine Scham, vor zwanzig Jahren und heute. 

Mein Elektrodeckertraum, meine Normalität, meine Finger  wandern auf seinen Augenlidern. Mein Schöner, meine Ruhe und  Gelassenheit, meine Selbstliebe und Vertrauen, meine  Selbstverständlichkeit. Was ich nicht habe und was ich nicht bin,  das hat er und das ist er, meine Liebe. Mein Elektrodeckertraum,  selbstgefällig, arrogant, gewöhnlich. Liegt er da, sagt er das,  schamlos. Ich schäme mich, ganz neu, nicht für mich.

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