Wir haben uns tot gestellt, als die Insekten kamen. Sie krochen durch die Türspalte und die Fensterritzen und wir lagen regungslos in unserer Festung aus Kissen, Decken und Stühlen und der müffelnden Matratze, die wir sieben Stockwerke hoch aus dem Keller getragen hatten. Wir bewegten uns nicht, solange die Insekten zischten und brummten und arhythmisch mit den Flügeln schlugen. Und ich war echt froh, dass du so gut darin warst, die Augen geschlossen zu halten, damit du nicht sehen konntest, wie ich zittere und dass ich zum Totstellen einfach zu blöd war und nicht lebensmüde genug. Aber ich übte.
Wir waren Kinder, die so lange das Totstellen übten, dass sie irgendwann lernen mussten, so zu tun, als seien sie lebendig.
Und auch darin warst du immer besser als ich.
Deine Augenringe sahen aus, als würden hinter ihnen Geschichten stecken, die man auf dem Schulhof erzählen kann. Und die Kleidung, unter der du deine Insektenbisse verstecktest, sah immer gut aus. Nur ich wusste, was du darunter versteckt hieltst. Nur ich wusste, wie hässlich du wirklich warst. Nur wir wussten, was sonst niemand wusste, von den Kids auf dem Schulhof, auf dem du jede Woche neue Geschichten erfandest.
Ich habe geweint, als deine Mom ins Krankenhaus kam, aber du nicht. Du hast so selten geweint (aber wenn, dann war die ganze Woche gelaufen).
Den halben Tag hast du gestrahlt, aber wenn wir am Nachmittag bei dir oder bei mir zu Hause waren, lief aus der Anlage immer nur Phoebe Bridgers. Wir ließen die nackten Beine aus dem Fenster baumeln und rauchten das Zeug, das wir von unseren älteren Geschwistern geklaut hatten, während wir mit geschlossenen Augen alle Texte mitsangen.
Deine Mom hatte einen Tisch im drittteuersten Restaurant der Stadt gebucht zur Feier des Tages, an dem dein Vater das zweite Jahr trocken war, an dem Abend, an dem mein Bruder das erste Mal bis zur Ohnmacht trank. Ich habe versucht, dich zu erreichen, ein Dutzend Mal. Aber du warst zu glücklich, an dem Abend, an dem mein Bruder das erste Mal fast gestorben wäre. Ich habe versucht, dich zu erreichen.
Die Insekten wollten deinen Hund fressen, als er totgeprügelt auf dem Boden in der verschimmelten Küche lag. Ich denke jetzt fast jeden Tag daran, an deine Tränen auf dem blutbesprenkelten Fell und an deine laufende Nase, an Geschichten, die nicht erfunden waren, an die blauen Flecke auf den Unterarmen deiner Mutter, als sie uns gefragt hat, ob wir etwas essen wollen, als wäre nichts, an ihre glasigen Augen und an das Zischen. Und wie du sie angeschrien hast.
Und wie einfach du später alles weggelacht hast.
Und als wir endlich auf diesem Dach standen – Du warst so fucking stolz und ich war so traurig und so einsam, weil ich dir deine Freude nicht mit meiner Angst vermiesen wollte, und weil ich Stolz niemals fühlen kann, egal was ich geleistet habe. Aber plötzlich hattest du selbst Angst, du sagtest, dass so hoch oben hier alles so sauber ist und ich wusste nicht, was du meinst (kein Zischen, kein Brummen). Ich wusste auf einmal gar nichts mehr.
Wir müssen wieder Festungen bauen, hast du gesagt.
Und warum ich dich dann geschubst habe, weiß ich auch nicht mehr. Nur noch, dass ich nicht mehr schlafen kann seitdem.